Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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233 „ Er weiß? . . . . " „Ich will es ihm erst morgen sagen". Und wieder eine Pause. „Jetzt muß der Felix Medizin bekommen und einen frischen Umschlag", mahnte Christel. Eifersüchtig auf eine Vertrautheit, von der sie ausgeschlossen war. Und dann war es wieder hart für Frau Rosenberg, der Ungeübtheit Christels zuzusehen, da es ihr doch in den Fingerspitzen zuckte, alles selber in die Hand zu nehmen, und aus Felix' dankbarem Gesicht zu lesen, um wieviel lieber ihm diese ungeübte Pflege sei, als die geschickteste Hantierung. Zugleich bewegte es sie tief, wie er von Zeit zu Zeit zärtlich zu ihr hinüberblickte, als wolle er ihr danken, daß sie so nachsichtig zu seinem Mädchen sei. Von einem mächtigen Impuls getrieben ihn zu erfreuen, neigte sie sich zu dem jungen Weibe und sagte: „Wie gut du alles machst, Christine". ..Du! . . . Frau Rosenberg hatte „Du" zu ihr gesagt! Ehe Christine sich entschieden hatte: Darf ich ihr an den Hals fliegen? Oder soll ich ihr die Hände küssen? hatte Felix schon den Arm gestreckt und Frau und Mutter zu sich herangezogen. „Ihr meine beiden liebsten Menschen auf der Welt". Wie ein Gelübde ging es zwischen ihnen hin und her. Die Furcht, die Aufregung könne schädlich auf den Kranken wirken, hieß die Mutter diese Szene kürzen. „Gesehen Hab ich dich, mein Junge, weiß, daß du gut aufgehoben bist. Nun muß ich wieder fort. Nein, halt mich nicht. Ich darf nicht lange fehlen heute. Und du sollst Ruhe haben. Auf morgen. Und laß dir's gut gehn, Bubi". Sie ließ sich von Christinen hinausgeleiten, um sie in der Küche hastig — eine lange Unterhaltung konnte das Mißtrauen des Patienten wecken — nach des Professors Ausspruch zu befragen.