Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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232 ihr hinüberschaute. Die Mutter war völlig überflüssig. Sie hatte aufzustehen und den Sohn der Anderen zu überlassen. Oder doch nicht? Hieß die Bewegung, mit der der Jüngling nach Frau Bertas und Christinens Händen langte, um sie in seinen heißen Fingern zu Vereinen „Ich brauche Euch beide? " Und bedeutete das scheue Lächeln, mit dem er von der Einen zu der anderen blickte, eine Bitte? „Wenn ich wieder gesund werde", begann er leise. Der Hustenanfall, der ihn unterbrach und so anstrengte, daß er erschöpft in seine Kissen fiel, gab den Worten einen verhängnisvollen Nebensinn. „Wenn ich wieder gesund werde . . ." Frau Berta steckte die Angst, die sie befiel, in ein harmloses Gespräch. „Ist etwas, was du besonders gern essen möchtest. Bubi?" „Oh ja", die Geberde, mit der er die Hände in einanderlegte, hatte etwas vom dem „bitte, bitte" kleiner Kinder. „Dunstobst, Mutter. Weißt du von den Marillen, die sonst nur für Gäste aufgegeben werden." „So viel du davon haben willst, mein Goldkind. Und sonst noch was?" „Kaviar. Und wenn du Christel Faumkoch zeigen möchtest. Sie kocht sonst aber ausgezeichnet", fügte er schnell hinzu. Sie strich ihm sanft die Haare aus der Stirn. „Du sollst alles haben, was du dir wünschst, mein Herz, und was der Professor dir erlaubt. Morgen. Heute ist ja Feiertag . . . ." Sie verstummte. Die Blicke und Gedanken Beider kreuzten sich. „Der Vater ist im Tempel?" „Wie jedes Jahr". Was da alles mitschwang in den kurzen Sätzen. Und die Pause füllte, die nun folgte.