Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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231 Im ersten Augenblick war sie nicht so sehr erschreckt. Felix hatte rasch den Umschlag von der Stirn gerissen, die Aufregung rötete sein abgemagertes Gesicht, und in der Freude der Begrüßung überwand er auch die Mattigkeit der Glieder. „Mutter!" „Lieber Junge". Sie war ganz vernünftig, legte ihm den Umschlag wieder aus, setzte sich dann so ruhig an sein Lager, als sei sie nie von ihm getrennt gewesen, fragte Christine (Felix mußte schweigen) ganz sachlich über den Verlauf der Krankheit und die Verordnung des Professors aus. Dabei nahm sie jede Einzelheit des Zimmers in sich auf. Es war nicht klein und in ruhigeren Tagen sicher nicht ohne eine gewisse Wohnlichkeit. Offenbar mit den besten Möbeln des armen Haushalts ausgestattet. Altväterhausrat. Ein Schreibtisch, ein großes Kanapee, dessen großblumiger Sitz vielfache Flicken zeigte, und ein weitarmiger Ledersessel wirkten wie Ueberbleibsel einer behaglicheren Zeit. Jetzt lagen freilich Kopfkissen und Decken auf dem Divan, und aus dem Schreibtisch standen Waschgefäße. Ein kleiner Tisch war vollgepackt mit Büchern und Skripturen, die auch an der Erde aufgestapelt standen, und Kleidungsstücke hingen von der Lehne des Lehnsessels herab. Der Bezug bes Bettes aber, in dem Felix lag, war sauber, wenn auch grob und sehr gestopft. Und ein Strauß bunter Georginen, auf den Nachttisch zwischen Flaschen und Arzneien hingestellt, brachte einen frohen Ton in die Krankenatmosphäre. Christinen entging es nicht, daß Frau Bertas Augen in die Runde gingen. Sie stammelte Entschuldigungen. Die Nacht sei so unruhig gewesen, und der Professor erst vor kurzem weggegangen, und dann habe sie nach der Apotheke laufen müffen. Und ehe man so einen Patienten ganz in Ordnung hat.- Sieben Schwerter bohrten sich in Frau Bertas Herz. Wie selbstverständlich diese Fremde sich das Recht nahm, für Felix Rosenberg zu sorgen. Und wie dankbar er zu