Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Ihrer Tochter machte sie beim Vorübergehen ein Zeichen: „Es ist nichts! Ich will nur für ein paar Minuten in die Lust". Auf der Straße fing sie an zu laufen, als seien die Verfolger hinter ihr. Der Weg war weit. Werners wohnten dem Westen zu, beinahe schon in Slichow, und fahren durste sie des Versöhnungsfestes halber nicht. Endlos dehnten sich die Straßen. Dazu das lange enge Kleid. Die Füße trugen sie nicht mehr; fie mußte stehen bleiben, Atem schöpfen . . . fühlte, wie die Kräfte ihr versagten . . . Mit einem verzweifelten Entschluß rief sie einen vorbeifahrenden Wagen an. Er war offen, und das herabgelassene Verdeck gewährte einen unvollkommenen Schutz vor der Neugier der Passanten. Einerlei! Nichts anderes dachte sie, während sie sich in eine Ecke drückte, als: „wie langsam sich die Räder drehn". . . . Eine ausgetretene Stiege. Drei Stockwerke hinauf. Eine lange, unbedeckte Galerie entlang, auf die viele Türen münden. Auf der vorletzten ein Täfelchen: „Katharina Werner". Darunter zwei Visitenkarten. Frau Rosenberg las nur die eine: „Felix Rosenberg". „Wer ist da?" stagte von innen her Christinens zarte Stimme. „Ich bin es. Felix' Mutter". Ein leiser Ausruf, Schritte, die hin und wieder liefen. „Räumen Sie doch, bitte, nicht erst auf. Lassen Sie mich ein". Der Riegel flog zurück. Christine stand, in einem losen Morgenrock, an der Schwelle einer kleinen Küche. Unordentlich genug sah es darin aus. Ungereinigte Töpfe und Kasserollen, benutzte Teller standen auf dem Herb und aus den Tischen. „Verzeihen, bitte, gnä Frau", sagte Christine, „ich Hab zum Abwaschen noch keine Zeit gehabt". Frau Rosenberg war schon an ihr vorüber, stand schon an dem Bett, in dem ihr Junge lag.