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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 229

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 229 (sequence 21)
Language
German
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229 Hallelujah! Danket dem Ewigen, denn er'ist gütig! Danket dern Ewigen rnit Harfenklang! Denn redlich ist das Wort des Ewigen Und all sein Werk rnit Treue. Er liebet Milde und Gerechtigkeit, Der Gnade Gottes voll ist die Erde. Frau Berta hatte das Gebetbuch offen vor sich liegen, aber sie verfolgte seine Seiten nicht. Nein! Der Herr war nicht gütig! Der Herr war nicht gerecht! Wenn er zuließ, daß man eine Mutter ihres Sohns beraubte. Eines Sohns, dessen einziges Verbrechen darin bestand, daß seine Art sich von der des Vaters unterschied. Und selbst, wenn er schlimmeres begangen hätte, wo gab es einen Richter, der sich vermessen durste, das Band zwischen Kind und Mutter durchzuschneiden? Sie beugte sich zurück, da sie fühlte, daß die.Augen ihres Manns sie suchten. Und so häufig wendete sie den Kops dem Eingang der Frauengallerie zu, daß jede ihrer Nachbarinnen darauf brannte der Anderen ihre Meinung mitzuteilen. Frau Perner war der Ansicht: der Felix wolle vielleicht heimlich kommen, um die Mutter, des hohen Festtags wegen, zu besuchen. Frau Grünzweigs Phantasie war kühner: Sicher sollte die Anna sich verloben. Und Frau Rosenberg erwartete, daß der Betreffende sich galant erweisen und dem Mädchen Blumen bringen werde, oder eine mit Gewürznelken besteckte Citrone. Ja wohl, Frau Berta wartete. Sie erwartete die Botschaft des Professors. Längst hätte er sie schicken müssen. Es sei denn, er habe so trauriges zu melden. Sie sagte sich: Jetzt warte ich noch zehn Minuten . . . nur noch sechs . . . noch drei ... ,,Möchten Sie mich, bitte, durchlassen, Frau Perner", bat sie plötzlich ihre linke Nachbarin, „mir ist mit einem Mal nicht gut".

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