Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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die bis zur Unerträglichkeit gehäufte Ungewißheit zu beenden. Nur ein paar Worte konnte sie auf der Straße mit der Tochter reden. Das junge Mädchen sprach ihr tröstend zu. Es fei ein gutes Zeichen, daß der Professor noch nichts habe von sich hören lassen. Im Notfall hätte er gewiß nach chr geschickt. * * Der Tempel glich heute einem Festraum. Das wundervolle Wetter gestattete den Damen noch einmal die Schaustellung der sommerlichen Mode. Unten in der Herrenschule herrschte die gewohnte Farbenlosigkeit. Schwarze Cylinder, schwarze Gehröcke, der dunkle Ton nur durch die grauen Flecke der Gebetmäntel einförmig aufgelichtet. Oben aber in den Frauenbänken raschelte die Seide, Spitzenröcke schleiften, auf den Hüten blüten bunte Rosen. Dabei fehlten noch die Elegantesten. Die Motz, die Schreiner, die millionenreichen Bankierfamilien der Steins und Kaumers. Frau Perner und Frau Grünzweig, in frisch aufgarnierten vorjährigen Gesellschaftsroben, waren schon beim Kritisieren. Prüfend musterten sie das graue Tuchkleid Frau Berta Rosenbergs, und während sie ihr Komplimente machten über ihren auserlesenen Geschmack, sagten sie sich mit den Blicken: „Die reiche Frau hätt sich auch was feineres spendieren können. Und überhaupt das Grau, wo sie selbst so grau aussieht, wie eine Leiche". Ein Zischlaut, der von unten kam, verlangte Ruhe. Und in die allgemeine Stille stieg das Lob des Herrn auf.