Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Das Licht war aber kaum gelöscht, da umschwirrten sie, wie Raubvögel, die Sorgen und zerfleischten ihr das Herz. Des Professors Brief! Wie hatte sie sich nur einen Moment lang davon betrügen lassen können. Da er doch das Schrecklichste nur notdürftig verhüllte, sie jedenfalls nur vorsichtig auf Schlimmeres vorbereiten sollte. Das Blatt lag unter ihrem Kissen, und sie sehnte sich, den Inhalt nochmals durchzulesen. Ob sie wagte, wieder Licht zu machen? In chrem Bett aufgerichtet lauschte sie zu ihrem Mann hinüber. Sein Athem ging ganz ruhig. Zu ruhig, schien es ihr, beinahe so, als stelle er sich nur schlafend, um die Frau nicht aufzuwecken. Und jetzt hörte sie ihn leise stöhnen. „Ob er nicht auch in diesem Augenblick an Felix denkt?" Sie war dessen sicher. Aber in welchem Sinn dachte er an ihn? Liebend? oder unversöhnlich? Daß sie doch in das Gehirn Alexanders blicken und darin hätte lesen können. Hatte sie gerufen? Hatte sie es ihrem Mann ins Ohr geschrieen: „Mein Kind ist krank. Es verlangt nach mir. Ich muß aufstehen und es mir nach Hause holen?" Nein! Es war alles still. In ihren Ohren brauste nur das Blut, und der Herzschlag schlug ihr hämmernd an die Rippen. „Und ich sag es doch! Jetzt sag's ich ihm. Er braucht nicht schlafen, wenn mein Junge stirbt!" Die ausgestreckte Hand wurde doch wieder zurückgezogen. Nicht nur aus Rücksichtnahme. Es hing von der Antwort ihres Mannes so viel ab. Für Felix nicht allein. Konnte sie noch bei chrem Manne bleiben, wenn seine Güte in diesem Augenblick versagte? Würde er nicht auch ihrer Ehe mit einem „Nein" ein Urteil sprechen? Wenn sie nur hätte aufstehen, ihre Unruhe durch Auf- und Abgehen überwinden können. Rastlos warf