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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 225

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 225 (sequence 17)
Language
German
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225 „Verehrte Frau! Felix fiebert, klagt über Gliederschmerzen und allgemeines Unbehagen. Die Diagnose ist noch nicht festzustellen. Ich weiß nicht, ob eine Infektion vorliegt, oder eine heftige Erkältung. Ich habe vor allem getrachtet die Temperatur herabzusetzen. Die Nacht wird ruhig sein. Und seien Sie auch im übrigen ganz außer Sorge. Die junge Frau fügt sich allen meinen Wünschen. Sie ist unerfahren, aber nicht ungeschickt, und hat den besten Willen. Morgen früh sehe ich wieder nach und sende Ihnen Nachricht. Sollten Sie nicht mehr zu Hause fein, so sucht der Bote Sie im Tempel auf. Sobald es mir möglich ist besuche ich Sie selbst. Freundschaftlichst Otto Gerstel. Es klopfte leise an der Tür. „Ich bin's," sagte Anna. „Hat Gerstel dir wegen Felix geschrieben," fragte sie, als habe ihr die Mutter alles mitgeteilt. Als Antwort reichte Frau Berta ihr das Blatt. „Das muß dich doch sehr beruhigen". Anna hatte den Brief aufmerksam durchgelesen. „Und nicht wahr, du sagst dem Vater nichts, ehe nicht morgen sein schwerer Tag vorüber ist?" Frau Berta schwieg. Sie dachte: „Der Bruder ist chr gleichgültig. Sie denkt nur an den Vater. Kein Wunder. Sie ist wie er, nüchtern und kalt". Doch ging es von der Festigkeit der Tochter wie ein beruhigender Einfluß auf ste aus. „Berta," rief Herr Rosenberg, „wo bleibst du? Komm doch schlafen." Selbst diesen Alltagsworten suchte der Rufende einen besonderen Klang zu geben, etwas Gehaltenes, das sie vom Hergebrachten unterschied. Und in seinem Gute- Nacht-Kuß lag eine so warme Herzlichkeit, daß Frau Berta sich wie ein Judas fühlte und sich gelobte ihres Mannes erhöhte Stimmung zu verschonen. 15

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