Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Sie waren miteinander jung gewesen. Alle seine Schwächen waren ihr bekannt, auch die, daß er sich eine Religion für seinen Hausbrauch eingerichtet hatte. Das ganze Jahr hindurch war er ein lauer Jude, aber an den hohen Feiertagen orthodox. Es war vielleicht ein unbewußtes poetisches Bedürfnis, das ihn die Festtage so feierlich begehen ließ, außerdem sicher auch das Gefühl der Pietät gegen seine Eltern, die streng gläubig gewesen waren. Das Versöhnungssest nahm er besonders wichtig. Von dem Moment an, da er sich, am Vorabend des Festes, zu dem Mahl hinsetzte, an das sich der Besuch des Gotteshauses schloß, war das Alltagsleben für ihn aufgehoben. Nichts von Geschäft, nichts von irgend einem Vorfall in Familie und Freundschaft. Und trotzdem sein Hausarzt streng dagegen sprach, ließ er nicht davon ab vierundzwanzig Stunden lang zu fasten. Selbst in der Mttagspause verließ er nicht den Tempel und ging erst abends heim; geschwächt und müde, aber seelisch neu gestärkt, und innerlich erhoben, wie nach einer großen Tat. Und diese Weihe sollte man ihm stören? Frau Berta dachte: ich will abwarten, was Professor Gerstel schreibt. Sie erschrak, als ihr beim Nachhausekommen das Dienstmädchen, in Gegenwart Herrn Rosenbergs, ein Briefchen übergab. „Von Herr Professor Gerstel, gnädige Frau". „Was ist?" fragte Alexander. Sie mußte zu einer Lüge ihre Zuflucht nehmen. „Wahrscheinlich das Rezept, um das ich ihn gebeten habe. Falls mir morgen schlecht im Tempel wird". Herr Rosenberg, getreu dem Vorsatz an seine Andacht nichts Störendes heranzulassen, forschte nicht. In Annas Zimmer, hinter zugeschlossener Tür las Frau Berta: