Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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223 den Sohn darben ließ, um seine Autorität aufrecht zu erhalten. Ein andermal flüsterte ihr das Mitleid wieder zu: „Er leidet auch. Sieh wie seine Haare bleichen und wie die Falten sich in seiner Stirn vertiefen". Auch in diesem Augenblick stritt und kämpfte es in ihr. Tat sie recht, vor ihrem Mann zu schweigen? Das Leben seines Sohnes war vielleicht gefährdet, und er wußte nichts davon. Sündigte sie damit nicht gegen Beide? Würde ihr Mann sie nicht verantwortlich für ihre Feigheit machen? Sie fragen: Was hast du mir so gut gefolgt? Dann wieder . . . Was lag an ihrem Mann? Ihr Mann war Nebensache. Er hatte es ja so gewollt. Er verdiente seine Strafe. Aber ihr Kind! und sie selbst! War sie eine Sklavin? War sie ein Ding, das man nach Belieben einschließt, das gefühllos, stumm und ohne Rechte ist? Nein, jede Rücksicht mußte fallen. Gleich nach Beendigung des Gottesdienstes, auf dem Heimweg noch, wollte sie Alexander alles sagen. Und durch nichts, was er befahl, sollte sie zurückgehalten werden dahin zu eilen, wohin die Gebote der Natur sie trieben, an das Krankenlager ihres Kindes. .Die Abendandacht war zu Ende. Alle Beter standen auf. Noch deutlicher als vorhin, da sie gesessen hatte, vermochte Frau Rosenberg das Gesamtbild ihres Mannes in sich aufzunehmen. So von der Ferne angeschaut, von Anderen umgeben, beurteilte sie ihn wie einen Fremden. „Was hält er sich so schlecht! Und was sieht er alt und miserabel aus! Der Beer, der vor ihm sitzt, macht einen jüngeren Eindruck mit seinen einundsechzig Jahren". Und schon tat er ihr wieder leid, der Mann, mit dem sie beinahe fünfundzwanzig Jahre lebte, der, wenn auch nicht immer freundlich, doch immer gut zu ihr gewesen war.