Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Von ihr ist ihm auch die Idee gekommen, Schauspieler zu werden. Sie hält ihn für ein ungewöhnliches Talent". Also war der Sohn zur Schwester vertraulicher gewesen als zu ihr! Dieser Tropfen Gift hatte Frau Bertas Kummer überfließen lassen. Die Rollen zwischen Kind und Mutter wurden ausgetauscht. Die gereifte Frau lag schluchzend in dem Arm des jungen Mädchens, das ihr beruhigende Worte gab. Die Vorwürfe gegen den Vater aber hatte Anna mit Entschiedenheit zurückgewiesen. „Schau, Mutter, du bist immer so romantisch. Was sollte denn — abgesehen davon, daß der Felix ans Heiraten doch überhaupt noch lange nicht denken kann — den Vater an dieser Schwiegertochter freuen? Eine Christin, arm, aus schlechter Familie, nicht einmal wirklich hübsch. Und ihre Kunst? Die muß sie erst beweisen. Und wenn schon. Ich danke für die Ehre, sich für Jeden, der ein paar Kronen zahlen kann, hinstellen und sich begaffen und bekritteln lassen müssen". Auch dieses Kind hatte Frau Berta nicht gekannt. Und sie hatte sich geschämt. Auch wegen ihrer unvernünftigen Romantik. Und hatte es dann dankbar angenommen, daß Anna bereit gewesen war, ihrer eigenen Anschauung entgegen, zwischen der Mutter und dem Bruder zu vermitteln. Auf dem Weg zur Musikstunde traf sie sich mit ihm, steckte ihm Geld zu, überbrachte Briefe, und verschaffte den Getrennten Gelegenheit, sich in der Abgelegenheit einer menschenleeren Straße zu begegnen. Mit schwer belastetem Gewissen hatte Frau Berta das Vertrauen ihres Mannes hintergangen. Anna aber war der Meinung, daß der Vater vielleicht wisse und sich nur nichts sehen machen wolle. „Den Männern ist die Hauptsache, daß es ausschaut, als ob sie Recht behalten". Sollte auch hier die Jüngere die Verstehendere sein? So oft Frau Rosenberg diese Möglichkeit erwog, sprang es wie Haß gegen den Vater in ihr auf, der