Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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220 zu lassen, hatte er mutig, aber von heißer Röte übergossen, hinzugefügt: „Wir müssen heiraten, wir sind ohnehin schon Mann und Frau". Wieder hatte er ihr dann die Rede abgeschnitten, hatte Heftiges gegen die Lüge der Gesellschaft ausgestoßen, von den Rechten der Natur geschwärmt, und daß, von jeher das Genie der Leidenschaft seine letzte künstlerische Weihe danke. Und zuletzt war er vor der Mutter auf die Kniee gesunken, hatte sie unter knabenhaftem Schluchzen angefleht ihm beizustehen, seinen liebsten Menschen vor Schande zu bewahren, dem Vater vorzustellen, daß es um das Leben seines Sohnes gehe. „Denn wir sterben lieber miteinander, als daß wir voneinander lassen". Auch die Szene mit dem Vater wurde überlebt. Frau Berta war tapfer für ihren Jungen eingetreten, hatte alles allein über sich ergehen lassen: die erste Wut, Verachtung der bubenhasten Drohung, Vorwürfe „die Zigeunerei hat er von dir. Du Haft sie von deinem Vater und hast unser solides Blut damit angesteckt", um endlich die Genugtuung zu erleben, daß dem Ausbruch eine besonnenere Rede folgte. „Der Felix muß sofort nach England. Für das Mädel werd ich sorgen. Sie soll so viel kriegen, daß sie auch dem Kind eine ordentliche Erziehung geben kann". Und dann erst war der Sturm losgebrochen, als Sohn und Vater einander gegenüberstanden, als der Jüngling die vorgeschlagene Entscheidung mit Schmerz und mit Verzweiflung von sich wies. „Entweder — oder", hatte der Vater aufgeschrien. „Entweder du fügst dich — oder, so wahr ich bin, du verläßt mein Haus, und ich kenne dich nicht mehr". .... Und da war der Junge aus dem Haus gegangen. . . Herr Rosenberg, der sich nur selten eine Erholung gönnte, war ohne Hinterlassung der Adresse auf eine