Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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219 zur Bühne. Tritt schon zuweilen in ganz kleinen Rollen im Theater auf. Diese Auskunft (etwas direkt Nachteiliges war ihr nicht beigefügt gewesen) hatte Frau Rosenberg veranlaßt, ihrem Sohn Vorsicht in seinen Beziehungen zu der Schauspielerin anzuraten. Seitdem war er ganz von ihr verscheucht gewesen. Sie hatte nichts mehr von seinen Studien erfahren, war nicht mehr um Hilfe für seinen Schützling angegangen worden. Hatte es von Unruhe erfüllt, mit ansehen müssen, daß sein Zimmer sich nie vor Mitternacht erhellte, daß er immer blasser wurde, und offenbar keiner seiner Aufgaben mehr gerecht zu werden wußte. .„Wahrhaftig, der Schwarz hat vorgestern im Tannhäuser nicht halb so schön gesungen, wie unser neuer Kantor heut", rief Frau Grünzweig. Und Frau Perner meinte: „Sie brauchen sich, weiß Gott, nicht schämen, daß Sie weinen, Frau von Rosenberg". Frau Berta zwang sich zu einem entschuldigenden Lächeln: Musik wirke auf sie immer so erregend. Sie besuche deshalb seit lange keine Oper mehr. „Ueberhaupt sieht man Sie gar nicht mehr im Theater", fragte Frau Perner. Und Frau Grünzweig äußerte scheinheilig: „Haben Sie am Ende nicht mehr Ihre Sitze?" Worauf Frau Berta sich beeilte zu versichern, daß sie nur durch Zufall in den letzten Wochen ihr Abonnement nicht habe benutzen können. In den letzten Wochen? dachte sie dabei. Seit Monaten. Seit dem Abend, an dem Felix die Mutter in ihrem Zimmer aufgesucht und totenbleich, aber mit erkünstelter Beherrschung, eine Unterredung von ihr ausgebeten hatte. Ja wohl, wegen Christine. Und um es, ohne lange Vorreden, nur grad herauszusagen, er sei mit ihr verlobt; sie würden heiraten. Gleich, wenn der Vater es erlaubte; nach Felixens Mündigwerden, wenn der Vater die Einwilligung versagte. Ohne sie zu Wort kommen