Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114754--3917-3114986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 weiterer Beweis für die Idealität seiner Gesinnungen erschienen. Gern hatte sie Brauchbares aus ihrer und der Tochter Kleidervorrat ausgesucht, und es der Kunstnovize zugeschickt. Heimlich, hatte sie dann ein Mal einer Schüleraufführung von Goethes „Faust" im Hause von Felix Lehrer beigewohnt: Felix „Faust", Christine „Gretchen". Die Vorstellung hatte ans Parodistische gestreift. Von dem stark gekürzten Text war eigentlich nur die Geschlechtstragödie unversehrt geblieben, und auch diese Szenen wurden von den beiden kindhaft jungen Menschen ganz unzureichend dargestellt. Aber, war es die Gewalt der Dichtung? War es die Anteilnahme ihres Herzens? Für Augenblicke hatte Frau Berta sich im Bann eines starken Eindruckes gefühlt. Einmal, in der Gartenszene, war ein Schrecken in chr aufgesprungen. So heiß der Ton, so zärtlich die Umarmung. War das nur Spiel? Dann war ihr Argwohn wieder eingeschlafen. Vor Christinens unentwickelter Gestalt, den ans Slavische gemahnenden Konturen ihrer Züge, der Haut, die noch unter der Schminke blaß erschien. Nur die rötlichblonden Haare waren reizvoll in ihrer weichen Fülle, und die Augen merkwürdig durch ihre Verwandlungsfähigkeit. In der Ruhe still, von den gesenkten Lidern halb gedeckt, weiteten sie sich im Affekt, flackerten in dunkelm Licht, oder brannten wie zwei milde Sterne. Auch das Organ, obgleich noch etwas dünn, vermochte sich zuweilen zu einer aufweinenden Leidenschaft zu tiefen. Aus Gretchens Klage um die verlorene Ruhe hatte es eine Sekunde lang an Frau Bertas Ohr gezittert, wie ein Echo von Hedwig Niemanns unvergessener Stimme. Sie war gerecht genug gewesen chrem Sohn diese Empfindung zu gestehen. Und wieder hatte sein mehr als kollegialisches Entzücken sie befremdet und sie bewogen Erkundigungen über Christine einzuziehen. Das Ergebnis: Tochter einer Näherin, Vater unbekannt, von Kindheit an sich selbst überlassen. Drang