Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 9)
- Language
- German
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217 Vielleicht mochte der Einfall ihm gekommen sein: ,ich Hab den dummen Jungen gar zu ernst genommen; wenn man ihn laufen läßt, wird er am Ende von selber seiner Laune überdrüssig^, und der Entschluß, den Dingen eine Weile schweigend zuzusehen. Er hatte sich gestellt, als wisse er nicht, daß der Sohn die Mittagspause nütze, um bei einem .Vortragsmeister Unterricht zu nehmen, und als verwundere es ihn nicht, daß Felix's ungesteigertes Gehalt zu so merklich gesteigerten Theaterbesuchen reiche. Frau Berta, glücklich über diese Kompromisse, die ihr als Ergebnisse einer geänderten Gesinnung galten, hatte doch nie aufgehört für die Gesundheit ihres Sohns zu fürchten. Von Früh bis Abend im Kontor, mittags beim Dramaturgen, der Schlaf der Nächte dem Rollenstudium geopfert. Würde er dieser Lebensführung auch gewachsen sein? Und hatte es doch nicht gewagt, ihre Sorgen auszusprechen und den schwer errungenen Frieden wieder zu zerstören. .... „Jetzt kommt die Motz erst", flüsterte Frau Perner über Frau Rosenberg hinweg Frau Grünzweig zu. „Natürlich, wenn man sich so auffrisiert. Glauben Sie nicht, der liebe Gott hätt sie auch ohne die neue Lockentour genommen?" Es wäre vielleicht auffallend gewesen, daß diese geistreiche Bemerkung Frau Rosenberg so nahe ging, daß sie sich die Augen wischen mußte. Aber das gleichzeitige Einsetzen des Bußgebets mit seinem immer wiederkehrenden Refrain: „Ich will vergeben" machte ihre Erschütterung begreiflich. Der neue Vorbeter hatte eine wundervolle SUmme, und er legte heiße Inbrunst in den Anruf, mit dem er den Herrn um seine Huld bedrängte. „Sprich Herr mich frei", betete auch Frau Rosenberg. In einem Irrweg war auch sie gegangen. Stolz auf das Vertrauen ihres Sohnes, hatte sie ihn in seiner Teilnahme an Christine Werner noch bestärkt. . Sein Interesse an dem Talent eines armen und, wie er offen zugestand, recht unscheinbaren Mädchens, war ihr als