Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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215 erspart blieb sofort Rechenschaft über das Vorgefallene abzulegen. Gelang es ihr doch kaum chre Haltung vor gleichgültigen Augen zu bewahren. Hier gefesselt sitzen müssen, anstatt an das Krankenbett des Sohns zu fliegen. Hundert trübe Möglichkeiten in der Phantasie erleben, und dabei das Geschwätz der Nachbarinnen, der Frau Perner und Frau Grünzweig, über sich ergehen lassen müssen. Das Bewußtsein für die Umgebung keinen Augenblick verlieren. Ahnen, wie sich auch im Kopfe ihres Mannes (sie konnte von oben aus beobachten, wie er sich tief über sein Gebetbuch beugte) die traurigen Gedanken drängten, die Erinnerungen an all die Jahre, da sein Erstgeborener neben ihm gesessen hatte. Fühlen, wie die beiden Schwätzerinnen, links und rechts von ihr, das Gleiche dachten, trotzdem jede Anspielung auf den Fehlenden vermieden, und dadurch die Kenntnis aller Vorgänge deutlich unterstrichen. Die Andacht ihres Mannes wie einen Hohn empfinden; da er seinem Gott versprach alle zu Unrecht abgelegten Gelübde zurückzunehmen, und doch von dem Eid nicht ließ, den er gegen den eigenen Sohn geschworen hatte. Dann wieder Menschen, Ort, Umgebung ganz vergessen. Im Hirn nichts als die wilde Jagd qualvoller Vorstellungen. Ob Christine wohl den Professor angetroffen hat? Und ob er gleich mit ihr gegangen ist? Und wird sie fähig sein, ihn zu verstehen, seine Anordnungen zu befolgen? Diese unerfahrene Person, der Pflege und des Geldausgebens gänzlich ungewohnt Wieder, wie bei der Begrüßung Christels, schoß chr die Bitterkeit ins Blut. Um eines solchen Mädchens willen! Unfaßlich! Unbegreiflich! Ihr kluger und begabter Junge! Ihr Stolz und ihre Hoffnung! Daß sie ihm doch damals nicht im Kampf gegen den Vater beigestanden hätte! Wie eine Verrückte war sie von ihrem Mann behandelt worden.