Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Versöhnungstag
Date
1911-01-01
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111094-3114754--3913-3114982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

214 Es kam Frau Berta sehr zu statten, daß die Mahlzeit schon so weit vorgeschritten war. So konnte sie, ohne selbst etwas zu essen, sofort die Teller für den Nachtisch wechseln lassen. Keinen Bissen hätte sie hinunter würgen können. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Die Fragen, die in den Mienen ihrer Tochter Anna standen, brachten sie vollends zur Verzweiflung. Es war ein Glück, daß das harmlose Geplauder des kleinen Alfred die allgemeine Spannung etwas löste. Der zehnjährige Alfred Rosenberg hatte seit Wochen den sehnsüchtigen Wunsch, am Versöhnungstag zu fasten. So oft man es ihm auch schon vorgehalten hatte, daß kein Knabe vor der Barmizwe fasten dürfe, er brachte seine Bitte immer wieder vor. Auch jetzt versuchte er, den Vater umzustimmen. „Aber vom Frühstück bis zum Nachtmahl darf ich doch"? „Du bist ja mit einem Mal so fromm", neckte Schwester Anna. „No ja, der Philipp Schwarz darf doch heuer auch schon". Nun war's heraus. Nicht aus Frömmigkeit, nur um es seinem Kameraden gleich zu tun. Der war sreilich eben dreizehn Jahre alt geworden. Aber gerade darum. Die Freundschaft mit einem so gereiften Knaben schmeichelte des Jungen Eitelkeit. „Also darf ich?" fing er wieder an. Der Vater lachte. Seinem Jüngsten gegenüber war seine Laune immer nachsichtig. „Gut, ich erlaub's. Vom Frühstück bis zum Mittagessen darfft du fasten. Und von der Jause bis zum Nachtmahl. Das Gabelfrühstück will ich dir erlassen." Frau Anna hielt sich auf dem Weg zum Tempel neben ihrem Mann, um ein Zwiegespräch mit Anna zu vermeiden. Im Bethaus wich sie, aus demselben Grunde, nicht den Begrüßungen der Frauen aus, die gleichzeitig mit chr die Treppe zur Frauengallerie erstiegen. Und sie empfand es dankbar, daß die Tochter von ihr abgesondert in einer rückwärtigen Reihe saß, sodaß es ihr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.