Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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213 „Hier ist ein Brief an Professor Gerstel. Wenn Sie einen Wagen nehmen, treffen Sie ihn noch zu Haus. Lassen Sie den Wagen warten und nehmen Sie den Professor gleich mit sich. Und hier (sie öffnete ihr Portemonnaie) ist Geld. Mehr als fünfzehn Gulden Hab ich nicht bei mir. Aber ich Hab dem Professor aufgetragen, in der Apotheke alles aus seine eigene Rechnung zu entnehmen. Und er wird Ihnen noch für heute Nacht eine Krankenschwester schaffen". Demütig und dankbar hatte Christine Frau Bertas Anordnungen zugehört. Jetzt fuhr sie auf: „Nein, gnä Frau — gnä Frau werden verzeihn. Aber an den Felix laß ich keine Fremde rühren. Den Felix pfleg ich mir allein". Frau Berta überlegte. Ihr Mann war sicher schon sehr ungeduldig — und die Möglichkeit Professor Gerstel anzutreffen, verringerte sich mit jedem verlorenen Augenblick. „Dann will ich auf der Krankenschwester nicht bestehen. Wenn Sie nur alles Andere, was ich Ihnen aufgetragen habe, gut besorgen". „Ich schwör's — die Mutter Gottes ist mein Zeuge". Sie wollte, nach einem Handkuß, aus dem Zimmer stürzen. „Und Gott Vergelts Hunderttausendmal". Frau Rosenberg hielt sie zurück. „Sie müssen warten, bis ich im Speiszimmer bin. Und machen Sie dann keinen Lärm am Gang. Und schlagen Sie die Stiegentür nicht zu". Einen Gruß an Felix brachte sie nicht heraus. Sie durfte sich keine Erregung gönnen — ihr Mann durfte um Himmelswillen nicht erraten .... Die Familie saß schon beim Nachtmahl. Niemand sprach. Herr Alexander Rosenberg zog nur die Uhr heraus und zeigte auf das Zifferblatt. Frau Berta versuchte eine glaubhafte Erklärung: sie habe das Kleid zu morgen noch einmal probieren müffen. Worauf ihr Mann ganz trocken sagte: „Alter schützt vor Torheit nicht". Einen schärferen Tadel auszusprechen, hielt er am Vorabend des Versöhnungsfestes nicht für angemessen.