Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Frau Berta rang die Hände ineinander. „Und da lassen Sie ihn ganz allein?" „Die Mutter ist Lei ihm. Sie ist heut nicht auf Arbeit". Eine große Bitterkeit stieg in Frau Bertas Blut. Ihr Felix, ihr verwöhnter Junge in der Obhut einer schwerhörigen Näherin. „Was sagt der Doktor?" „Ich war heut schon zweimal oben. Er war nie zu Hause. Aber ich spring beim Nachhausegehn wieder zu chm hinauf". Frau Rosenberg biß sich die Lippen blutig, in dem Bemühen nicht los zu schreien. „Hat er Fieber?" „Mir scheint, gnä Frau". „Es scheint Ihnen? Haben Sie ihn denn nicht gemessen?" „Gemessen?" Die Bedeutung dieses Wortes war Christine offenbar ganz unbekannt. Ratlos ging Frau Berta auf und nieder. „Ich kann jetzt von Haus nickt weg. Wir haben von heut Abend an einen großen Feiertag". ,,Jch weiß, gnä Frau, der Felix hat die ganze Nacht darüber phantasiert?" „Phantasiert!? Er phantasiert?" Frau Berta zitterte am ganzen Leibe. Auch Christine war in heftiger Bewegung. „Deswegen bin ich ja in solchen Aengsten. Ich hätt mir sonst sicher nicht erlaubt, gnä Frau, Sie heut zu stören. Aber der Felix hat so oft gerufen: „Mutter komm!" Frau Bertas Herzschlag setzte aus. Die Kälte kroch ihr bis in die Fingerspitzen. Aber sie weinte nicht. Der Schmerz Christinens, die ihre Fassung ganz verloren hatte, schien sie zu erstarren. Sie zog die Tischschublade auf, riß ein Blatt aus dem Wirtschaftsbuch, und schrieb ein paar Zeilen darauf hin.