Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
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211 ihrer Züge nicht erkennen. Aber ihre Haltung verriet eine große Müdigkeit, eine Unfähigkeit, sich ohne Stützpunkt aufrecht zu erhalten. Bei Frau Bertas Anblick richtete sie sich hoch, machte ein paar Schritte und neigte sich mit einem demütigen: ,Küß die Hand, gnä Frau", über der Eintretenden Hand. Frau Rosenberg wehrte den Handkuß ab. Ihre Blicke überflogen die Erscheinung der Besucherin. Sie war nicht klein, aber so zart und schmächtig, daß sie eher einem Kinde, als einem jungen Mädchen glich. Rotblonde Weiche Haare umflatterten die schmalen Wangen, der Mund war blaß, und unter den großen, dunklen Augen, die in der Heiterkeit wohl leuchten mochten, lagen tiefe Schatten. Ein Seufzer hob Frau Bertas Brust. „Und um dieses Lärvchens willen". Ihr Ton war nicht sehr gütig, als sie fragte: „Was bringen Sie mir denn, Christine?" Christine war wieder an den Tisch zurückgetreten. Mit gesenktem Kopfe suchte sie die hervorbrechenden Tränen zu verbergen. „Der Felix . . ." brachte sie heraus. Dann versagte ihr die Sprache. Frau Rosenberg erschrak. „Ist ihm was?" Christine nickte. „Er ist krank". „Seit wann? Aber so reden Sie doch. Weinen können Sie dann später". In der Erregung packte sie Christinens Schulter. Sie sah, wie sich das junge Wesen zur Selbstbeherrschung zwang und doch nicht hindern konnte, daß das Schluchzen es zwischen jedem Satze stieß. „Er hat uns schon seit einer Woche nicht gefallen. Immer Kopfweh und keinen Appetit. Und gestern hat er sich legen müssen. So schlecht ist ihm im Magen. Und so eine Hitze. Und in allen Gliedern solche Schmerzen". 14*