Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Versöhnungstag
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114754--3909-3114978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 „Stellen Sie's auf die Kredenz", sagte sie bei dem Geräusch der ausgehenden Tür, ohne sich zu wenden. Sie meinte, das Dienstmädchen habe das Kompot hereingebracht. „Ich bin es, Mutter". Der Tochter junge Stimme klang gedämpft. „Ist was passiert?" „Sie ist da". „Um Gottes willen!" Nicht einen Augenblick war Frau Rosenberg im Zweifel über die Bedeutung dieses „Sie". „Jetzt kommt sie. Wenn der Vater sie gesehen hätte!" „Niemand hat sie gesehn, ich Hab ihr aufgemacht". „Ist sie in deinem Zimmer?" „Ich Hab sie in die Speis geführt". Im Flüsterton, als könne jemand sie belauschen, hatten beide das Gespräch geführt. Schon war die Klinke in Frau Bertas Hand. „Wenn der Vater nach mir fragt — in ein paar Dünuten bin ich wieder da". Sie schritt den langen, nach dem Hofe zu verglasten Gang hinab. Der weiße Sand, dem frischgewaschenen Steinfußboden überstreut, knirschte unter ihren Füßen. Es siel ihr ein: in der Hast habe ich gar nicht gefragt, aus welchem Anlaß „sie" gekommen ist? Die „Speis" war die wohlgefüllte Vorratskammer einer guten Hausfrau. Von den Brettern der mit grauem Packpapier belegten Holzregale schimmerten aus gläsernen Behältern die Farben des Dunstobsts, der Senfgurken und Marmeladen. Weiße Kernseife lag zerstückt zum Trocknen ausgebreitet, an Haken hingen graue Leinensäckchen, schwer von gedörrten Pilzen und Gemüsen, in großen Blechgefäßen war das Butlerbackschmalz aufbewahrt. Und aus den Suppenkräutern, die, in Erde eingesenkt, in einer Ecke grünten, drang ein scharfer, lvürziger Geruch. An dem Tisch, der in die Fensternische eingelassen war und eine Wiegeschale mit Gewichten trug, lehnte eine weibliche Gestalt. Sie war in einen weiten Mantel eingehüllt, ihr Gesicht war von eineni großen Strohhut überschattet, und die einbrechende Dämmerung ließ den Ausdruck