Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114753--3905-3114975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
207 nisse derart vorüber, daß solche Eile den Leser verwirrt und sozusagen in geistige Atemnot versetzt. Und nur beim Reden, beim grübelnden Debattieren, bohrenden Analysieren der einzelnen Juden untereinander und mit dem parteilosen christlichen Georg verweilt der Dichter wieder und wieder. So schleppt sich der eine Teil der Handlung ermüdend hin, der andere braust so eilfertig vorüber, daß er nicht im Gedächtnis haftet, und was schließlich bleibt, ist nur ein dickes Bündel betrachtender und charakterisierender Gespräche über jüdische Probleme und jüdische Menschen. Aber freilich — „nur". Wenn Kunst etwas Göttliches ist, dann ist dies „nur" dem hier entfalteten Reichtum des wahrhaft Dichterischen gegenüber eine Blasphemie. So ergreifend tief und mit so starker seelischer Anteilnahme hat Schnitzler in diesen Gesprächen, die man gern von dem Ballast der übrigen Romanhandlung befreit sähe, das jüdische Wesen, die jüdische Seelennot gezeichnet. Männer und Frauen, Junge und Alte, Sittliche und Unsittliche, leidenschaftliche Zionisten und ebenso leidenschaftliche Anhänger des Assimilationsgedankens enthüllen sich in diesen Gesprächen, und wenn Schnitzlers Liebe auch immer nur bei den Trotzigeren, den Aufrechteren weilt, so ist sein männlich verhaltenes und doch sehr fühlbares Mitleid bei all diesen Menschen. Denn in allen fühlt er dasselbe Schwanken der entwurzelten Persönlichkeit, dasselbe Wühlen des zerrissenen Wesens, das ihm selber im Blute liegt, und das vielleicht in erster Linie chn zu dem seltsamen Grübler machte, den meine Studie zu zeichnen suchte. Aus der Fülle, die Schnitzler hier verschwenderisch ausbreitete, ragt eine Szene besonders hervor. Heinrich Bermann, der deutsche Schrifsteller, ereifert sich über das antisemitisch nationalistische Wesen eines Radfahrklubs. „Solche Kerle bilden sich ein, daß sie da eher zu Hause sind als unsereiner". Darauf stellt sich Leo Golowski, der Zionist, aus die Seite dieser Eingebildeten, die ja historisch Recht hätten. Heinrich - erhebt Einwendungen, und nun streiten beide mit großem Scharfsinn, großer Leidenschaft und vermögen sich doch nicht