Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Wünscht? Aber da Schnitzler seit langen Jahren und eigentlich von Anfang an und immer entschiedener für die individuelle Auffassung und Lösung aller Fragen eintritt, so ist es nicht recht ersichtlich, warum gerade dieses und nicht irgend ein ganz anderes Thema mit dem jüdischen zusammengekoppelt wurde. Oder sollte Schnitzler vielleicht in Georgs friedlichem Fertigwerden mit dem Schicksal den glücklicheren (etwa gar den specifischchrisüichen) Gegensatz zu jüdischer Zerrissenheit haben darstellen wollen? Das wäre ein böser Mißgriff, denn viel weniger aus starker Einheitlichkeit als aus Passivität und Indolenz seiner etwas molluskenhaften Natur gerät ja Georg ins „Freie". Nein, es ist keine feste innerliche Bindung zwischen den beiden Romanteilen vorhanden, und das stört empfindlich. Und noch ein zweiter schlimmerer Kunstfehler haftet dem Buche an. Der jüdische Teil des Werkes ist durchaus nicht arm an Handlung, im Gegenteil hält hier eine Fülle des Geschehens der Ereignisarmut der sozusagen christlichen Romanhälfte die Wage. Aber nun ist es, als hätte Schnitzler eine gewisse schamhafte Furcht vor dem Ausbreiten kräftiger und im alten Wortsinn „spannender" Ereignisse empfunden. Und so hat er hier alles und selbst das Wichtigste, soweit es Vorgang ist, nur in eilfertiger Knappheit erwähnt, statt es zu schildern. Heinrich Bermann treibt die ungetreue Geliebte sich selbst zur Qual in den Tod, und man lernt das Mädchen nur ganz flüchtig kennen; Leo Golowski erschießt im Duell den antisemitischen Leutnant, der ihm die Dienstzeit verbitterte, und man erfährt das nur aus kurzem Bericht, statt den Dingen beizuwohnen; Oskar Ehrenberg zieht in seinem Assimilierungseifer nach jüngster Frömmigkeitsmode den Hut vor einer katholischen Kirche, wird wegen dieser „Falschmeldung" von seinem zionistischen Vater geohrfeigt, legt darum Hand an sich selber — und auch das alles wird nur flüchtig in einem Brief erzählt; Therese Golowski, die auf der Flucht vor der eigenen Unstätigkeit bald Dirne, bald Volksbeglückerin ist, wird in ihrem Handeln nur skizziert, usw. usw. So jagen die Gescheh-