Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Ich bin sehr weit davon entfernt, in den großen Chor der Lobpreisenden einzustimmen und den „Weg ins Freie" für eines der besten, wenn nicht gar für das beste der Schnitzler'schen Werke zu erklären. Nein, die klingenden Ruhmestitel dieses Dichters heißen: „Sterben", „Leutnant Gustl", „Der einsame Weg", die klingendsten: „Paracelsus", „Der grüne Kakadu", „Der Schleier der Beatrice", und auch die frech-fröhliche Komödie „Literatur" kann in chrer Vollendung jenen tieferen Dichtungen ebenbürtig genannt werden. „Der Weg ins Freie" dagegen scheint mir auf künstlerisch sehr viel tieferer Stufe zu stehen, ja als Kunstwerk vollkommen verfehlt zu sein. Ich will diese Meinung begründen. Schnitzler hat die eigentliche Romanhandlnng weit und im Verhältnis zur Bedeutung der Charaktere zu weit ausgesponnen. Georg von Wergenthin, ein dilettantischer, zum mindensten mehr receptiver als productiver Musiker geht ein Liebesverhältnis mit der schlichten Anna Rosner ein, die chm geistig ebenbürtig, sozial nicht unüberbrückbar entfernt ist. Eine Zeitlang scheint das Bündnis ein dauerndes, eine Ehe werden zu sollen. Es spielt sich aber in Georg (mehr schleppend als intensiv) der Kampf ab, den man in Schnitzlers Künstlergestalten zu finden gewohnt ist. Er will das Recht des Erlebens, der Entwicklung, der Künstlerfreiheit in höherem Maße wahren, als ihm das in der ehelichen Umgrenzung möglich erscheint. Dennoch hält er, da er Vater werden soll, trotz mancher tatsächlichen und erträumten Untreue an Anna fest. Als dann jedoch das Kind gleich nach der Geburt stirbt, ist der Bund zwischen Georg und Anna zerrissen. Die Loslösung des Mannes aber erfolgt nicht sofort und brutal, sondern langsam, sanft und fast kampflos. Diese Vorgänge sind mit der gleichen erschöpfenden Schilderungskunst dargestellt, die Schnitzler vorher schon in dem breiten Gemälde „Frau Bertha Garlan" anwandte. Doch kann man wohl die Bezeichnung „erschöpfend" auch in üblerem Sinne gebrauchen. Ich meine, es ermüdet auf die Dauer ein wenig, den in ihrer Langsamkeit und Milde untragischen