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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 203 (sequence 65)
Language
German
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203 starkem, einheitlichen Empfinden, nach unbeirrter großer Leidenschaft Ausdruck verliehen, hat er in dem Schwertgewaltigen, der Mensch und Puppe von einander unterscheidet, der alle Masken zertrümmert, das Symbol der einheitlich fanatischen Leidenschaft geben wollen. Wobei es nicht darauf ankommt, welchem Ding, welcher Idee, welcher Person die Leidenschaft gilt, sondern nur auf ihre Ungeteiltheit. Denn gerade zu diesem einheitlichen Empfinden gelangt der Dichter eben nicht in seiner Unsicherheit; Spiel und Wahrheit, Traum und Wachen fließen chm ineinander, nie weiß er bei sich und seinen Gestalten, wo die Marionette aufhört und der Mensch beginnt, und eben darum nennt er vielleicht den Mann mit dem Schwerte, die Verkörperung des einheitlich starken Fühlens, den „Unbekannten". Wer eben: vielleicht nur — denn der Dichter hat sich mit diesem Schluß in zu Rätsechaftes verstiegen, als daß nicht hundert verschiedene Köpfe hundertfach anderes herauslesen könnten. Ich halte diese schließliche Undurchsichtigkeit für keinen Vorzug des bis dahin durchaus klaren und bei allem Durcheinander von Menschen und Puppen, Spielenden und Hörenden straff geführten Stückes. Schwankende Unsicherheit — anders, nicht untiefer erfaßt — bildet auch die wesentliche Eigenschaft des zweiten Beichtbuches. „Der Weg ins Freie", Schnitzlers bisher ausführlichstes Werk, hat nichts mit dem furchtbaren Schwanken zwischen Spiel und Wirklichkeit zu tun; aber indem es ein Umgrenzbares und scheinbar Unwichtiges (well mehr in den Zeitverhältnissen als in der unabänderlichen Eigenart der menschlichen Seele Begründetes), indem es die notwendige Zerrissenheit des modernen deutschen Juden darlegt, erklärt es doch auch, wie jene andere Zerriffenheit in dem Juden Schnitzler so stark werden konnte; denn wenn man die Einheitlichkeit des Empfindens nur einem Dinge gegenüber verloren hat, so hat man sie gewiß überhaupt verloren, und wer an einer Frage zum Grübler geworden, muß sich notwendig ins Tiefste aller Probleme wühlen.

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