Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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198 dann wird ein Schauspieler vermißt, weil er sich wirklich einmal als Taschendieb versucht hat und in seiner Ungeschicklichkeit sofort ertappt wurde. Er hat, zum Ersatzmann gewissermaßen, einen eben entlassenen Sträfling hergeschickt, der einen wirklichen Totschlag hinter sich hat und nun den Mörder spielen soll. Auch ist der Haß, der den Aristrokaten entgegenschlägt, heute besonders echt und heiß. Und dann hebt sich aus dieser allgemeinen Groteske eine knappe Tragödie heraus- Henri, der genialste Spieler der Truppe, will zum letzten Male auftreten. Er hat die Dirne Löocadie geheiratet, er glaubt sie durch seine große Liebe, durch die Heiligkeit der Ehe emporgezogen und geläutert zu haben, er will mit ihr aufs Land gehen, einem friedlichen Glück entgegen. Sein letztes Spiel entströmt seiner Seelenangst. Er gibt den Mörder aus verratener Liebe. Löocadie, spielt er. habe ihn doch wiederum betrogen, und nun habe er blutige Rache an dem Ehebrecher, dem Herzog von Cadignan, genommen. Henri spielt aus seiner Herzensangst heraus so lebenswahr, daß man das Spiel fiir Wahrheit zu halten beginnt, zumal man ja weiß, wie sehr die Voraussetzung des Mordes stimmt. Und als nun in die Komödie die Kunde vom Fall der Bastille hereinbricht, und als der Wirt, von der Angst um die gerichtlichen Folgen des Mordes befreit, den Unglücklichen zu seiner Tat fast beglückwünscht, da geht es Henri erst auf, wie nahe sein Spiel der tatsächlichen Wahrheit kam. Und als der totgesagte Herzog jetzt hereintritt, da erdolcht ihn der betrogene Ehemann wirklich. Das Ganze ist eine breite Illustration des Paracelsussatzes: „Es fließen in einander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends". Doch, glaube ich, täte man dieser Groteske bitteres Unrecht, wenn man sie, wie den „Paracelsus" als bloßes Phantasiespiel einschätzte. Schnitzler hat hier, bei aller Phantastik und Romantik der Handlung, die Stimmung der Revolutionszeit so unerhört echt wiedergegeben, er hat die geistsprühende Verfeinerung, die todesbereite Vermorschtheit der herrschenden Klasse, die Brutalität und