Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 59)
- Language
- German
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197 lichen Wissens vom eigenen und fremden Selbst, über das peinvolle Schwanken der Grenze zwischen Wahn und Wahrheit nennen, wobei freilich die Macht des Elementes schließlich sich stärker erweist als der Feuerwerker und der Dozent Paracelsus vom eigenen Wunder überrumpelt wird. Man tritt gewissermaßen zur Anwendung oder Nachprüfung des eben Gelernten aus dem Hörsaal und Laboratorium ins Leben selber, wenn man vom „Paracelsus" zu der grandiosen Groteske „Der grüne Kakadu" vordringt, die Schnitzler gleichzeitig veröffentlichte. In diesem Spiel rückte er dicht an die Gegenwart heran, vom 15. und 16. Jahrhundert der anderen Phantasiespiele aufwärts bis zum 14. Juli 1789, dem Tage des Bastillensturmes- Deshalb blieb der Dichter aber doch auf Märchenboden, denn märchenhaft in der Wildheit ihres Geschehens, in dem Tatwerden ihres Hasses sind diese Tage der französischen Revolution. Im „Grünen Kakadu", einer Schenke, verkehrt der beste Pariser Adel mit Vorliebe; er kann dort, ermüdet von feinen Genüssen, schärfere Sensationen gefahrlos auskosten. Denn in dieser Spelunke trifft man mit allerhand Gesindel zusammen, das sich seiner Diebs- und sonstigen Taten rühmt. Die Verbrecher aber sind in Wahrheit Schauspieler, und nur die Dirnen sind echt. Doch auch sonst mischt sich sehr viel Wahrheit in das tolle Spiel. Wenn die Leute unter dem Schutz ihrer Rolle das adlige Publikum beschimpfen, so geben sie ihrer Herzensmeinung Ausdruck, wenn sie von Einbruch und Mord fabulieren, so mögen sie ihre Sehnsucht gestalten, und das eben ist das Reizende für ihr überfeinertes Publikum, daß es hier im Spiel auf bedenkliche Wahrheit stößt. Und gerade an dem Abend, den Schnitzler mit Meisterhand schlldert, mischt sich Spiel und Wahrheit unlöslich durcheinander. Die edle Marquise von Lansac findet sich so völlig in die Dirnen-Atmosphäre des „grünen Kakadus", daß der junge unerfahrene Chevalier Albin gar nicht mehr weiß, ob die Marquise „wirklich so ist" oder nur spielt, worauf ihn der gequälte Liebhaber der Dame belehrt: „Sein . . . spielen . . . kennen Sie den Unterschied so genau?" So-