Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Volk bei sich sieht, teils, weil er persönlichen, etwas hämischen Anteil an Paracelsus nimmt. Hat sich der „Habenichts" doch vor dreizehn Jahren um Justina beworben. Die aber nahm den Waffenschmied, und Paracelsus ging außer Landes. Cyprian ist kein guter Wirt, er prahlt mit seinem Besitz, mit seinem treuen Weibe, er höhnt den Gaukler, setzt Zweifel in die Echtheit seiner Kunst, fordert ihn auf, sie zu beweisen. Erbittert über solche Schmach, erbittert auch, Justina in so plumpen Händen zu sehen, schläfert Paracelsus die Frau des Waffenschmiedes ein und suggeriert ihr, sie habe mit dem Junker Anselm, der seit langer Zeit um ihre Liebe fleht, die Ehe gebrochen. Die Erwachte spielt nun so völlig echt die Rolle der zerknirschten Schuldigen, gibt so genaue Auskunft über ihren Fehltritt, daß Paracelsus selber schwankend wird, „ob dies, wovon sie träumt, nicht auch erlebt ward". Und als ihm Cyprian das Widersinnige seines Zweifels vorhält: „Ihr gabt ihr doch den Wahn — und zweifelt selbst!" erwidert er in völliger Ungewißheit: „Ich bin ein Zauberer nur — sie ist ein Weib!" Einzig, um selber Klarheit zu erlangen, nicht aus Nachsicht gegen Cyprian, den er gerne dauernd gestraft hätte, versetzt Paracelsus die Frau noch einmal in Schlafzustand und gibt ihr auf, die eben durchlebte Stunde ganz zu vergessen, dafür aber bis zum Abend „dieses reichen Tages" durchaus wahr zu sein. Da berichtet denn Justina, wie das, was Paracelsus ihr suggeriert hat, als Sehnsucht, als Möglichkeit in ihr gelegen, wie sie wohl morgen schon den heute nur erträumten Ehebruch wahrhaft begangen hätte. Und erzählt dem prahlerischen Gatten weiter, wie chr Mädchenherz an Paracelsus gehangen habe, wie fern sie anfangs dem Manne gewesen sei, der sie in seinem sichersten Besitz geglaubt. Und beruhigt ihn denn freilich, sie habe ein friedliches, wenn auch nicht sehr glühendes Glück schätzen gelernt und werde ihm wohl treu bleiben, wenn er sie treulich hüte .... Man könnte das seltsame Stück fast ein Experimentalkolleg über die Unsicherheit des mensch-