Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114753--3892-3114962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
194 mag sie nicht töten, er weiß jetzt von den Hinzugekommenen, daß er im Hause des großen Dichters ist, er sieht in Beatrice ein Kind, das schuldlos mit den ihm anvertrauten Herzen spielt, und sieht in ihr eine Hochgeehrte und Geweihte, da sie Filippos Geliebte war. Denn wie der Dichter den Mann der starken Lat einseitig schätzte, so ehrt der Herzog widerum den großen Sänger auss höchste und beinahe neidvoll. Francesco, der einfältig Starke, schafft seiner Schwester den ersehnten Frieden. Er kennt in seiner dumpfen Sicherheit keine schwankenden Bedenken, er unterscheidet ruhig zwischen Gut und Böse, Tugend und Sünde, und so ersticht er die sündige Beatrice. Sie und den Dichter, dem sie trotz aller Wirrungen des letzten Tages angehört habe, befiehlt der Herzog gemeinsam in der Gruft der Bentivoglios zu bestatten. Er selber wendet sich nun zum aussichtslosen tödlichen Kampf mit dem Borgia. Doch fühlt er sich nicht als Sterbender, ist im Stande, die Schönheit der letzten Lebensstunden völlig zu genießen, da er immer nur an der Intensität, nicht an der Dauer des Daseins gehangen hat. Sein abschließendes Meinen lautet: Das Leben ist die Fülle, nicht die Zeit, Und noch der nächste Augenblick ist weit Der Herzog und der Dichter, der Tatmensch und der schwankende Zweifler, der die Dinge allzu tief betrachtet, sind der potenzierte Doppelausdruck von Schnitzlers Charakter. Aber wenn Schnitzler auch manchmal (wie etwa in der „Frau mit dem Dolch"), der Ansicht sein mag, die Sehnsucht des Menschen enthalte sein eigentliches Sein, seine innerste Wahrheit, so fühlt er sich doch ganz offenbar dem schwankenden Filippo Loschi verwandter als dem stählernen Lionardo Bentivoglio. Und so hat er auch, als er zuerst daran ging, im Phantasiespiel freiere Worte und größere Taten zu formen, das bewußt Unsichere und Zwiespältige seines Wesens vor allem und allein dargestellt. In dem Einakter „Paracelsus", der ein Jahr