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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 191

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 191 (sequence 53)
Language
German
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191 intensivste Lebensfülle, den gewaltigsten, fessellosesten Lebensrausch zu bergen scheint. Und der Dichter erhöhte diesen Taumel noch durch sein bestes Rauschmittel: er stellte all diese Lebensdurstigen dem unmittelbaren Tod gegenüber. Der Borgia zieht gegen Bologna mit großer Üebermacht heran; vielleicht schon morgen ist er Sieger und dann wehe dem Besiegten, vom Herzog bis zum letzten Knecht herab. So wollen sie denn alle den letzten Tag genießen und tun es in Haß und Liebe, mit all der Starknervigkeit und in all der Schönheit, die man den Renaissance-Menschen nachsagt. Schnitzler hat in Nebenbei und Rundherum der Handlung, in Politik und Liebe, in Mord und Lust, eine Glut und Wildheit entfaltet, wie er sie ähnlich nur noch im „Ruf des Lebens" anstrebte. Was aber im kalten Licht des Gegenwärtigen befremdend wirkt, erscheint vertraut im Schimmer der Ferne, und was in Prosa nur schwülstig oder doch geschraubt klingt, gewinnt einen edleren Ton im musikalischen Verse. In das breitgemalte bunte lebenstolle Gewimmel stellte der Dichter zwei gegensätzliche Männer, den Herzog Lionardo BentivogliounddenDichterFilippoLoschflund zwischenbeide ein kindlich verträumtes Mädchen von sechzehn Jahren, Beatrice Nardi. Filippo sah Beatrice, und sogleich haben sich die beiden gefunden. Der Dichter ist zum Verräter an einer edlen Braut geworden, hat all seine Pflichten verletzt, seine Ehre hingeworfen, um das neue Liebesglück zu genießen. Er mag seine Tat nicht einen Augenblick bereuen: Wer spricht von Schuld? Im Herbste fallen Blätter. Im Frühjahr sprießen andre' Sagt Ihr drum. Daß einer schuldig ward? Ich bin es nicht! Es sei, daß Schuldigsein bedeutet: ewigen Gesetzen unterworfen sein . . . Ja, er ist mit Stolz erfüllt über sein entschiedenes Ergreifen des Glückes: Wahn ist nur Eins: das nicht verlassen können. Was uns nichts ist, ob Freund, ob Frau, ob Heimat, — Und eins ist Wahrheit: Glück woher es kommt!

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