Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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188 schmach für eine Sinnlosigkeit hält, und der dennoch, als er Mein von allen die verderbliche Schlacht überlebt, um der Ehre willen sich selber erschießt . . . All das ist zu viel. Und mehr noch als das Zuviel stört es, daß Schnitzler selber an der balladisch einfachen Grundhandlung in seiner fanatischen Zweifelsucht rüttelt. Womöglich gehen die blauen Kürassiere gar nicht freiwillig und gar nicht um der alten Schmach willen in den Tod, womöglich hat der unglückliche Oberst eine Fabel erfunden und dem Regiment suggeriert, um seine eigene eheliche Schande in vielem Blut, sozusagen im Blute aller Verdächtigen zu ertränken. Und das allerschlimmste vielleicht ist, daß Schnitzler die Vatermörderin weiterleben, ja einer friedlichen Zukunft entgegengehen läßt. Damit scheint er mir den Boden des im heute Möglichen ganz verlassen zu haben. Es kommt hinzu, daß der Dichter dem unmöglichen Inhalt eine fast unmögliche Sprachform gab. Diese Märchenmenschen, die er an die Gegenwart gefesselt hat, schwanken in der Form ihrer Rede peinlich zwischen rein poetischer und alltagsüblicher Weise. Darum entstand eine überladene, bisweilen fast schwülstige Prosa. Und dennoch ist diese mißlungene Zusammenkoppelung eines Spieles und einer Wirklichkeitsdichtung sehr reich an wahrhaften Schönheiten. Durch alles formale und inhaltliche Irren hindurch fand Schnitzler oft genug ergreifende Töne für die Furcht und Sehnsucht, die ihn am meisten bewegen, und in dem milden Arzt und in der verstehenden Mutter der Schwindsüchtigen schuf er Gestalten, die dem alten Musikus aus der „Liebelei" eng verwandt und ebenbürtig sind. — Meine Studie nimmt in diesem Abschnitt einen den Veröffentlichungs-Daten der Schnitzlerschen Stücke genau entgegengesetzten Verlauf. Der Dichter scheint erst allmählich auf das notwendig erfolglose Wagnis geraten zu sein, so potenzierte Phantasiegestalten ins Gegenwärtige und Reale hineinzusetzen. Der „Ruf des Lebens" erschien 1905; drei Jahre zuvor zog Schnitzler noch mit besserem Glück eine scharfe Grenzlinie zwischen Spiel und Wirklichkeit. In der „Frau mit dem Dolch" stehen die beiden