Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114753--3885-3114955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
187 störend zusammendrängen. Das Drama ist ein Durcheinander verschiedener das gleiche Thema besingender Balladen geworden, denen allen die Suggestionskraft fehlt. Doch halte ich den Vorwurf der Unwahrscheinlichkeit, den man gegen die Basis der weitverzweigtenHandlung erhoben hat, für unberechtigt. Die blauen Kürassiere haben im letzten Krieg durch eine panische Flucht Schmach auf sich geladen; die wollen sie nun, da es wieder Krieg gibt, abwaschen: Offiziere und Mannschaften haben die Abrede getroffen, den ersten verlorenen Posten zu beziehen und dort bis zur völligen Vernichtung auszuharren. Das ist nichts so ganz Unmögliches; ähnliche balladische Dinge kamen in erregten Zeiten vor und können sich gegebenenfalls auch wohl noch heute ereignen. Aber auf dieses Balladenthema vom Sterben einer frischen Jugend für eine Schmach, die nicht ihre Schuld ist, pfropfte Schnitzler nun Allzuvieles und Allzukrasses von Lebensverlangen und Todesnot. Der alte verabschiedete Offizier, dessen plötzliche Todesangst damals die Flucht verursachte, liegt jetzt in unheilbarer Krankheit, sich selbst und mehr noch seiner Tochter Marie zur Last, und freut sich hämisch, daß nun so junges Volk vor ihm und für seine Schmach sterben soll. Und Marie, die so lange von allem Leben entfernt als Pflegerin des boshaften Vaters gelitten hat, wird jetzt von dem Gedanken an das Ende ihres heimlich Geliebten, des Leutnants Max, vorwärts gepeitscht, vergiftet den tyrannischen Alten und stürzt von der Leiche des Vaters fort zu Max- Ihn findet sie nicht allein; die Frau seines Obersten und Freundes, die ihn verführt hat, ist bei ihm Und dann überrascht der Oberst die Ehebrecher, erschießt seine Gattin und zwingt Max, vor dem nächsten Morgen freiwillig in den Tod zu gehen. Doch diese letzte Nacht gehört noch Marie und ihrem Geliebten . . . Und dies alles ist noch nicht genug; die gleiche Wildheit und Ueberfüllung beherrscht auch die Nebenhandlung. Da ist die schwindsüchtige Katharina, die sich im unbändigen Lebensgenuß aufzehrt, weil sie ihr nahes Sterben ahnt, da der Leutnant Albrecht, der am Leben hängt, der das Sühnen der alten Regiments-