Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Ich Hab' einmal sogar einen Lehrer gehabt der mich in griechisch vorbereitet hat, vor der Matura, das war ein Jud', meiner Seel'. Und ein ausgezeichneter Mensch. Man kommt ja mit allerlei Leuten zusammen." Es scheint mir die Unsittlichkeit des Stückes zu mindern, daß Clemens solch ein naiver Mensch ist, den keine tiefen Gedanken quälen, der Weiber und Pferde gleich freundlich und gleich hoch einschätzt. So erhält er in Margarete, die sich bereits aus einer Dichterin in eine sportskundige Aristokratin verwandelt, die Frau, deren er würdig ist, und die ihn beglücken wird, und es verschlägt nichts, daß sie ihn über einige Punkte ihrer Vergangenheit — so über ihr Verhältnis zu dem Schriftsteller Gilbert — im Dunkeln gelassen hat. Nur nie mehr zu schreiben, hat sie ihrem „Cle" versprechen müssen, denn das ist unschicklich. Ihr Ehrgeiz läßt sie dieses Wort brechen; einen letzten Roman wenigstens mußte sie heimlich verfertigen und drucken lassen. Darin hat sie ihr Schicksal beschrieben, auch ihren Briefwechsel mit Gilbert wiedergegeben. Ihre eigenen Liebesbriefe nämlich —„Noch ein Wort, Geliebter, ehe ich schlafen gehe, mir fallen die Augen zu". — hat sie damals sämtlich aufgesetzt. Und nun will es das Unglück, daß auch Gilbert aus seinem Schicksal einen Roman „gedichtet", daß auch er den Briefwechsel mit Margarete wörtlich ausgenommen hat — denn er kopierte damals seine impulsiven Ergüsse. Margaretes aristokratische Zukunft ist arg bedroht; aber Clemens hat schon Befehl gegeben, die ganze Auflage ihres Romans einzustampfen, und das eine Exemplar, das er aufbewahrt, um es mit ihr gemeinsam zu lesen, schleudert sie pathetisch — als Liebesopfer für Cle! — ins Feuer; sie wird dem Dichten für immer entsagen, und einzig liebende Gattin sein. — Nie ist auf lustigere Weise die Verlogenheit des Scheinküustlertums gegeißelt worden, als in den Gestalten der abenteuernden Margarete und des um jeden Preis geistreichen und bedeutenden Gilbert, die beide keines echten, unmittelbaren und tiefen Gefühls fähig sind und so auch in all ihren „Dichtungen" aller wahren Kunst meilenfern bleiben müssen.