Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Und auch auf den Hauptgegenspieler der Genießenden hat Schnitzler mehr Trauer als Glück gehäuft, auch ihm hat er einen leisen Neid auf die Entzügelteren mitgegeben. Der Mademiedirektor Professor Wegrach fühlt sich als „Kunstbeamter", er inuß seine Pflicht tun, er „kann beim besten Willen nicht anders". Mit dem großen und friedlosen Genie seines Jugendfreundes Julian Fichtner mag er sich nicht meffen. „Was die Genies anbelangt . . . das ist eine Welt für sich und außerhalb der Diskussion — wie die Elemente". JulianFichtner hatinseiner Jugend nichts Schlimmeres getan, als von dem Gewaltrecht des Elementes Gebrauch zu machen. Er hat ein leidenschaftliches Liebesglück durchlebt — mit der Braut seines Freundes Wegrath. „Mit schicksalshafter Notwendigkeit glitten wir in Sünde, Glück, Verhängnis, Verrat — und Traum." Er wollte mit der Geliebten fliehen und sie zu seiner Frau machen. Da packte ihn plötzlich die Angst um seine Freiheit. „Und alle meine Bedenken gingen unter in der ungeheuren Sehnsucht, mein Leben pflichtenlos, ungebunden weiterzuführen." Er floh allein, und Gabriele wurde Wegraths Frau, und ihr Kind galt als Wegraths Sohn. Sie trug die Lüge durch ihr ganzes Leben (man lernt sie zu Beginn des Stückes als Sterbende kennen), und das bescheidene Glück des Hauses Wegrath basierte auf dieser Lüge. Nun ist Julian gealtert, seine Kunst versagt sich dem Unstäten, er sehnt sich nach einem Angehörigen und sieht in dem wohlgeratenen Felix Wegrath seinen Sohn. Frau Gabriele ist tot, Felix hat längst gute Freundschaft mit Fichtner gehalten — so offenbart sich ihm der Einsame und bittet um Kindesliebe. Die Antwort lautet: „Ihr Sohn .. . es ist nichts als ein Wort. Es klingt ins Leere. Sie sind mir fremder geworden, seit ich es weiß." Und mit dem wärmsten Gefühl bekennt sich Felix zu dem leidgebeugten Wegrath als seinem wahren Vater. Herr von Sala nennt das in seiner gewollt kühlen und empfindungsfreien Redeweise, Felix habe „Sinn für das Wesentliche." Die Lebenslinie dieses Geist- und Enthaltungsvolleren Einsamen, ist nicht so scharf gezeichnet wie die Fichtners.