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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 180

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 180 (sequence 42)
Language
German
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180 „Einsamen Weg". Dieses reichste Gegenwartsdrama des Dichters verhält sich zu den übrigen bisher erwähnten Stücken Schnitzlers wie der Roman zur Novelle; so umfassend und vielgestaltig ist es. Was es um den einsamen Weg auf sich hat, das spricht der härtere und sympathischere, weil aufrechtere der beiden Einsamen deutlich aus. Stephan von Sala, der Dichter und Lebenskünstler, sagt zu dem Maler Julian Fichtner: „Lieben heißt für jemand anders auf der Welt sein. Ich sage nicht, daß es ein wünschenswerter Zustand sei, aber jedenfalls, denke ich, wir waren beide sehr fern davon. Was hat das, was unsereiner in die Welt bringt, mit Liebe zu tun? . . . Haben wir jemals ein Opfer gebracht, von dem nicht unsere Sinnlichkeit oder unsere Eitelkeit ihren Vortell gehabt hätte? . . . Haben wir je unsere Ruhe oder unser Leben aufs Spiel gesetzt — nicht aus Laune oder Leichtsinn . . . nein, um das Wohlergehen eines Wesens zu fördern, das sich uns gegeben hat? . . . Und glauben Sie, daß wir von einem Menschen — Mann oder Weib — irgend etwas zurückfordern dürften, das wir ihm geschenkt hatten? Ich meine keine Perlenschnur und keine Rente und keine wohlfeile Weisheit, sondern ein Stück von unserm Wesen . . Nicht als moralischer Richter hat Schnitzler diese Männer die Schuld ihrer Lieblosigkeit büßen lassen; nur den Gang der Natur hat er gezeichnet, nur den banalen Satz illustriert, daß die Ernte von der Saat abhängig ist. Wie wenig der Dichter auch hier ein Feind der Genießenden ist, ergibt sich aus den bitteren Worten eines gegensätzlichen Menschen, des edlen Altruisten Dr. Reumann. „Denken Sie", sagt er, da man ihn als besonderen Tugendhelden hinstellt, „denken Sie, daß es mir an dem guten Willen fehlt, mein Leben so zu führen, wie ich es die meisten Menschen führen sehe? Ich habe nur nicht das Talent dazu. Wenn ich aufrichtig sein soll . . . die Sehnsucht, die am tiefften in mir steckt, ist die: ein Schurke zu sein, ein Kerl, der heuchelt, verführt, hohnlacht, über Leichen schreitet. Aber ich bin durch Mängel meines Temperaments dazu verurteilt, ein anständiger Mensch zu sein . . ."

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