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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 177

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 177 (sequence 39)
Language
German
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177 Und den gehaltenen und traurigen Szenen fehlt auch nicht der lustige Einschlag; dafür sorgen Freund Theodor und Mizi Schlager, die härter geformte, skrupellosere Freundin Christines. Doch was das Stück so hoch emporhebt, was es so ganz weit über den „Anatol" stellt, das ist die Schilderung des alten Weiring. In diesem Charakter verspürt man schon mehr als den jungen zwiespältigen Erotiker Schnitzler, hier hat bereits der reife und große Dichter geformt, dem das erotische Sehnen und Irren nur ein Teil des vielen Menschenleidens ist. Vater Weiring kennt die gefahrvollen Wege seiner Tochter und mag sie nicht hindern, noch auch nur warnen. Er will, daß sie alles ihr erreichbare Glück genieße, daß sie „einmal was zum Erinnern" habe. „Wenn das ganze Leben nur so vorbeigegangen ist, ein Tag wie der andere, ohne Glück und Liebe — dann ist's vielleicht besser?" Menschen wie dieser schlichte, für seine Person ganz unbegehrliche Violinspieler, der ganz erfüllt ist von dem Gedanken, den Lebensgenuß eines Angehörigen auf keine Weise zu verkümmern — solche Gestalten hat Schnitzler noch einige geschaffen, und immer sind es seine besten, weil aus feiner schönsten Sehnsucht geformten. Die übliche Betrachtung hat auf den Charakter des alten Weiring nicht übermäßigen Wert gelegt, auch das Tragische der schönen Dichtung nicht allzuhoch eingeschätzt und in der „Liebelei" eben nur die Liebelei und weniger den Lebensernst gesehen. Nach diesem Erfolge wurde Schnitzler in verstärktem Maße als Erotiker abgestempelt und so häufig und vielfach so ausschließlich „der Dichter des süßen Mädls" genannt, daß ihm solche höchst ungerechte Lars pro toto - Setzung allmählich zur Qual geworden ist. Gewiß ist das erotische Moment in Schnitzler sehr stark ausgebildet, weil er in der Erotik eben eine der stärksten Lebensbetätigungen, den entschiedensten Gegensatz zu dem ihm immer gegenwärtigen Tod sieht; aber mehr als Liebelei beschäftigt chn Liebe selber, und so wird er nicht müde, sich aufs ernstlichste mit allen geistigen und sinnlichen Phasen der Liebe, mit allen Bündnismöglichkeiten zwischen Mann und Weib auseinanderzu- 12

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