Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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176 die vom Typischen mehr oder minder entfernt sind, niemals den Zusammenhang mit allgemeinen Fragen außer Acht lassen. Bleibt man sich aber dieses Schwankens der Grenzlinie bewußt, klammert man sich auch nicht an die chronologische Folge seiner Werke, so wird man Schnitzlers Ausspruch vollkommen beipflichten müssen. Sobald er sich vom Zwang der These frei macht, sobald er einzig die Schicksale eigenartiger Menschen auszubreiten sucht, bietet er sein dichterisch Wertvollstes. Schon sein zweites Drama — das „Märchen" ging 1894 vorauf, „Freiwild" und „Vermächtnis" folgten 1896 und 1898 — schon die „Liebelei" von 1895 zeigte ihn auf solcher Höhe. Die „Liebelei" ist scheinbar ganz aus den Situationen und Charakteren der „Anatol"-Szenen entstanden, ja zusammengesetzt. Und doch ist sie eine durchaus eigene Dichtung und erhebt sich bedeutend über jene Gespräche. Der Inhalt des Stückes ist rasch wiedergegeben. Diesmal heißen die Freunde Fritz und Theodor. Fritz ist dabei, sich bei dem süßen Mädl, dem schlichten, liebevollen, von den ewigen Erregungen seiner Verbindung mit einer verheirateten Dame der Gesellschaft zu erholen. Das Mädchen, Christine Weiring, steht ihm einigermaßen nahe, wieviel er ihr bedeutet, weiß er allerdings nicht. Sein Ausruhen wird durch den betrogenen Ehemann gestört. Fritz muß eine Pistolenforderung annehmen und fällt im Duell. Sein Abschied von Christine war ein wehmütiger, aber Offenheit hat er ihr nicht geschenkt. Sie erfährt oder errät erst alles nach seinem Tode. „Ich bin ihm nichts gewesen als ein Zeitvertreib — und für eine andere ist er gestorben! Und ich Hab' ihn angebetet! Hat er denn das nicht gewußt? . . Er hat von mir fortgehen können mit einem Lächeln, fortgehen aus dem Zimmer und sich für eine andere niederschießen lassen". Durch die Tragik dieses Leides, wächst das Stück über die mehr spielerischen „Anatol"-Szenen heraus. Dazu kommt die im „Anatol" nur angedeutete Stimmungsmalerei; man empfindet wirklich die wehmütige Heiterkeit, den sanften Frieden, von dem Schnitzler im „Anatol" nur erst schwärmt, wenn er von dem „süßen Mädl" redet.