Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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die Charakterschwäche, die in diesem Verhalten zutage tritt, ist selbst für eine kindliche Natur etwas peinlich hoch bemessen. Toni Weber geht ins Wasser, gewiß aus Kummer um den Tod ihres Geliebten und ihres Kindes, aber doch auch, weil Losattis ihr die unhaltbar gewordene Hausgemeinschaft kundigen. Dieser letzte Grund und eigentliche Anlaß des Selbstmordes scheint mir ein so kläglicher, daß er notwendig das Mitleid des Publikums in befremdetes Achselzucken ändern muß. — Diesmal hat es Schnitzler gewiß nicht an innerlicher Parteinahme fehlen lassen; er steht ganz und gar auf Seiten des Toten und seines „Vermächtnisses", aber dennoch hat er wieder seine Untauglichkeit zum Thesen- und Tendenzdichter bewiesen. Ein solcher hätte Frage und Forderung im Bereich des Möglichen gehalten, hätte von den Losattis Verstehen, moralische Vorurteilslosigkeit, soziale Hilfe verlangt. Schnitzler, durch seine Natur gezwungen, in jeder Richtung jede Konsequenz zu ziehen, forderte mehr und Unmögliches: prompte Herzensbeziehung zu einer aufoktroyierten Fremden. Damit hat er wider seinen Willen die Losattis entlastet und Toni Weber als ein halb unbescheidenes, halb würdeloses Geschöpfherabgedrückt. V. Mensckenäramen. Im Gespräch über seinen künstlerischen Werdegang sagte Arthur Schnitzler, dies sei für ihn der entscheidende Fortschritt gewesen, daß er nicht mehr vom „Fragen" sondern von Gestalten ausgegangen sei. Man darf da keine allzu schroffe Abgrenzung vornehmen. Die individuellen Charaktere beschäftigen den Dichter schon in hohem Grade, wo er seine Stücke auf Thesen basiert, und wiederum wird er auch da, wo er Einzelschicksale darstellt.