Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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174 ier Fragestellung irrte, eine Frage nämlich aufwarf, die gar keine ist. Können Toni Weber und das Kind, nachdem einmal die Erregung des Sterbetages vorüber ist, einen Platz — und wohlgemerkt: nicht nur den, sondern auch Liebe und Achtung! — im Hause Losatti finden? Wie gesagt, da liegt gar keine Frage mehr vor, sondern eine klare Unmöglichkeit. Eine Welt steht zwischen der Geliebten des Toten und seiner ihr vollkommen fremden Familie. Toni ist zu schwach und geistig zu unbedeutend, um ernstlich an eine Ueberbrückung der Kluft arbeiten zu können, der Professor ein viel zu schwankender Mensch, als daß er einer unbequemen Rolle lange Treue zu halten vermöchte, die Gutherzigkeit der Frauen muß notwendig ein wenig paralysiert werden durch die eingewurzelten Empfindungen vom Bürgerlichen und Unbürgerlichen oder Schicklichen und Unschicklichen — und so kann man allenfalls verstehen, daß ein Sterbender in völliger Verwirrung und schon im Unklaren über alle Verhältnisse den flehenden Wunsch äußert: nehmt diese meine schlichte Geliebte in dieses mein so beschaffenes Vaterhaus auf; aber man begreift es kaum, wie der Dichter zwei lange Akte daran wenden konnte, die Erfüllung der Bitte und die traurigen Folgen auszumalen. Man fühlt sich da umsomehr gequält, als man sich über die Sinnlosigkeit der Situation von vornherein klar ist. Toni Weber kann im Losattischen Hause nur die Geduldete sein, sie muß hier wirkliche Liebe vermissen. Die Losattis können höchstens zu dem Kinde Beziehungen finden, nicht zu der Mutter. Um nun seine Frage nach dem sozusagen innerlichen Familienrecht der unehelichen Witwe ganz rein herauszudestillieren, läßt Schnitzler das Kind dem Vater sehr bald^im Tode Nachfolgen. Jetzt sind alle kaum geknüpften Fäden zwischen den Losattis und Toni Weder naturgemäß zerrissen, jetzt ist kein Wort mehr darüber zu verlieren, daß sie das Haus verlassen muß. Und es ist ein fast unbegreiflicher Zug im Wesen der Frau, daß sie sich auch weiterhin noch krampfhaft an die ihr doch völlig fremde und fernstehende Familie anklammert. Schnitzler will das aus ihrer kindlichen Hilflosigkeit erklären, aber