Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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173 sind eine wohlangesehene und wenig glückliche Familie. Der Hausherr, ein Gelehrter und Abgeordneter, vermag kein Glück zu verbreiten; er ist kleinlich und phrasenhaft, ein unauftichtiger Komödiant, der bisweilen sich selber rührt, ohne Jemals dauernder und tiefer Gefühle fähig zu sein. Die Frau hat in der Ehe kein Genügen gefunden, die stille gute Tochter ist im Begriff, auf das Drängen des Vaters einem kaltherzig schlechten aber zukunftsreichen Mann die Hand zu reichen. Der einzig Lebensfteudige, das Licht im Haus, ist Hugo. An ihm hängen auch die Winterschen Frauen, die nahen Verwandten der Familie. Frau Emma, Losattis verwitwete Schwägerin, ihn selber, der sie mit heimlichen Begehren verfolgte, hassend, suchte in Hugo einen guten jüngeren Freund, wohl auch den künftigen Schwiegersohn, da ihre siebzehnjährige Tochter schwärmerisch an dem Vetter hängt. Das sind die Menschen, denen der Sterbende ohne alle Vorbereitung mit großer Willensanspannung erklärt, er lebe seit Jahren in heimlicher, freier Ehe, er könne nicht ruhig sterben, wenn er nicht für die hilflose Geliebte und das hilflose Kind gesorgt wisse, gleich solle man die beiden herbeiholen und ihm versprechen, sie dauernd fteundlich im Hause zu behalten — es sei dies sein letzter Wille. Nun ist es trefflich ausgeführt, wie sich die einzelnen Angehörigen dem Wunsch des Sterbenden gegenüber verhalten, wie er die Herzen der Frauen sogleich gewinnt, wie der Vater zu schwach ist zum Neinsagen und doch längst nicht gut genug, aus ganzer Seele zu gewähren, wie der Professor schließlich selber geht, die „Marotte" des Sohnes zu erfüllen (voller Mitleid mit sich selbst, auch nicht ohne Stolz auf sein liberales Wesen), weil man „doch nicht das Stubenmädchen schicken kann, um die Geliebte und das Kind vom jungen Herrn abzuholen". Der Akt schließt mit dem Verlöschen des Sterbenden; sein Wunsch ist erfüllt worden, Toni Weber und das Kind standen an seinem Lager . . . Wenn nun der weitere Verlauf des Stückes nicht hält, was dieser Anfang versprach, so ist der Dichter dafür vielleicht nur insofern verantwortlich zu machen, als er sich von vornherein in