Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 30)
- Language
- German
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168 dem schwankenden Schriftsteller Fedor Denner erkennt man einen Bruder Anatols; auf seinen Freund Leo Mlldner entfallen die freundlicheren, auf den kalt besonnenen Dr. Wille die zynischeren Eigenschaften des Anatol-Mentors Max. Wenn von einem Fortschritt über die Anatolszenen hinaus die Rede sein kann — sie stehen als Kunstwerk höher, weil sich Form und Inhalt bei ihnen deckt, weil sie gewissermaßen von vornherein als Diskussionen und nicht als Dramen auftreten —, so besteht er in der weitaus größeren Menschenreihe, die Schnitzler im „Märchen" ins Treffen führt, in der Anmut und Natürlichkeit, mit der der junge Dichter bereits auch das vielstimmige Gespräch ausspinnt. Da trifft man aus mehrere untereinander verschiedene Exemplare der gleichen Gattung „Wiener Lebewelt", da zeichnet Schnitzler das erstemal mit sicheren Skizzenstrichen Angehörige des Theaters und der Boheme, dazu als Kontraststgur den innerlich und äußerlich „korrekten" Beamten, da führt er sorgsam das zentrale Bild der Familie Theren aus, die auf der peinlichen Grenze des gesellschaftlich und sittlich Möglichen und Unmöglichen ihr freudloses Dasein führt. Die Helden des Dramas, sofern man bei diesen weder im Tun noch im Erdulden heldischen Menschen die alte Bezeichnung der Hauptgestalten anwenden darf, sind Fanny Theren und Fedor Denner. Fanny, die junge heißblütige und schlecht behütete Schauspielerin — die Mutter ist allzu geübt im etwas kupplerischen Zudrücken der Augen, die Schwester allzu tugendhaft, als daß sie nicht den Trotz der heißer Veranlagten herausfordern müßte — Fanny ist mit recht bewegter Vergangenheit belastet. Sie hat anderen angehört, ehe sie in Fedor den Mann ihrer dauernden Liebe fand. Bleibt Fedor ihr treu, so wird auch sie ihm Treue halten, wird ein reines und gutes Leben zu führen vermögen. Er weiß das, und sein Herz und seine Vernunft befehlen ihm, doppelt an der Geliebten festzuhalten. Ihn fesselt ja nicht nur eine große Liebe an Fanny; er kann hier auch seinem Ueberzeugungssatze nachleben, wonach der Frau das gleiche Recht des Suchens und Genießens zusteht wie dem