Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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167 IV. Chesenstücke. Es gilt keinen geringen Abstieg von der Gipfelhöhe der novellistischen Leistungen, wenn ich mich nun den Anfängen des Dramatikers Schnitzler zuwende. Die Zeitströmung der neunziger Jahre, dazu das Freiheitsverlangen des eigenen Herzens, führten den jungen Dichter dazu, Thesenstücke gegen allerhand „sterbensmüde Ideen" zu richten. Er mochte sich seiner wesentlichsten Eigenschaft, der bohrenden Objektivität noch nicht völlig bewußt sein. Und doch lag sie von Anbeginn ausgebildet in ihm und wirkte lähmend auf den dramatischen Nerv gerade solcher Thesenstücke. Ich bin gewiß nicht der Meinung, daß ein Thesendrama nur dann gelingen kann, wenn man „seine" Partei weiß, die gegnerische schwarz zeichnet, im Gegenteil liegt ja gerade darin die Gefahr dieses Dichtungsgebietes, daß es allzuleicht zu so unkünstlerischer Schwarzweiß-Zeichnung verführt. Aber ich meine allerdings, daß unabhängig von der Objektivität und Farbenmischung der Charakter-Schilderung ein deutliches Parteiergreifen des Dichterherzens fühlbar sein muß, daß aus solcher Parteinahme vor allem die Schwungkraft des Werkes herrührt. Es ist dies eine so oft übersehene Tatsache, daß der Dichter gleichzeitig objektiv gestalten und subjektiv Partei ergreifen kann; und doch muß ein Blick auf Ibsens „Nora" oder „Stützen der Gesellschaft" die Möglichkeit dieses Zusammentreffens erweisen. Für ein Thesenstück aber handelt es sich da um mehr als eine Möglichkeit, handelt es sich um eine Notwendigkeit. Wie sehr die dramatische Wucht der Dichtung geschwächt, wie sehr die Handlung in ein bloßes Erörtern umgebogen wird, wenn die innerliche Parteinahme des Dichters fehlt, das geht mit ungemeiner Deutlichkeit aus Schnitzlers Erstlingswerk auf diesem Gebiet, aus dem „Märchen", hervor. Auch hier find starke „Anatol"-Anklänge zu verspüren. In