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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 166 (sequence 28)
Language
German
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166 sofort tot, hat mit niemandem mehr gesprochen. Und nun hat plötzlich alles innere Ehrgefühl des tapferen Jungen ein Ende. Was kümmert ihn der Schimpf, den ihm ein für immer Verstummter antat, ohne daß irgend wer es merkte, noch je erfahren wird? Nun kann er Offizier bleiben, bleibt er „satisfaktionssähig", nun ist es ja, als wäre garnichts Schlimmes geschehen. Der andere ist tot, und Gustl darf fortleben. So naiv, so einheitlich, so sicher, wie er fich noch eben dem Tode ergab, gibt er sich jetzt dem alten geliebten Leben hin. Ohne Bedenken, ohne Reue, ohne Selbsteinkehr. Wie freut er sich auf das Duell mit dem Doktor — „na wart' mein Lieber, Dich hau ich zu Kreufleisch! — Und die Steffi muß sich für heut Abend freimachen, und wenn's Graz gilt!"-Man kann in diesem knappen reichen Kunstwerk eine ganze Tragödie und eine grimmige Satire sehen. Tragische und satirische Momente sind ja reichlich aufgehäuft in der Ausmalung des Todesgrauens und in der offenkundigen Verspottung dieser Ehr- und sonstigen Anschauungen. Aber wie gesagt: das humoristische Element scheint mir doch die beiden anderen stark zu überwiegen. Allzu häufig glaubt man den Dichter zu seinem Helden etwa dies sprechen zu hören: „Dein Leben, mein lieber dummer Bub — denn ganz so Unrecht hatte der dicke Bäckermeister garnicht —, dein Leben ist ja ein recht enges und oberflächliches, ja auch nichtiges, die Frische aber und unangekränkelte Selbstverständlichkeit, mit der du's zu genießen vermagst, die brave Haltung auch, zu der du dich dem Sterbenmüssen gegenüber zwingst, einem Müssen, über dessen philosophische Berechtigung wir freilich nicht streiten können, dessen flach äußerliche Bedeutung du ja auch selber mit herzerfreuender Offenheit zugibst und durch dein Amlebenbleiben bestätigst, all dies Naive, halb Kindliche und halb Kindische deines Wesens macht dich mir doch einigermaßen sympathisch und (wenn ich an die Qualen des mir verwandteren Felix denke) fast beneidenswert."

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