Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 25)
- Language
- German
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163 Voll gegen die offenkundigen Mordgedanken des einstigen Geliebten, und als der Sterbende nach ihrer Kehle greift, stößt sie ihn zurück und flieht ins Freie, sodaß er allein verröchelt. Nicht so nervenzerreibend geht es in Schnitzlers zweiten Meisterstück zu. Die anerzogene Haltung, die Leutnant Gustl dem Tod gegenüber bewahrt, diese eingedrillte „Pose" des strafferen und einfacheren Menschen, erleichtert ihm und dem Leser die Schrecken des Sterbens. „Leutnant Gustl" stellt kein vollendeteres, Wohl aber ein reicheres Kunstwerk dar als die vorige Erzählung. Ich war der Meinung, daß „Frau Bertha Garlan" den Titel „Roman" zu Unrecht trüge; ich glaube, daß für diese nur wenige Blätter umfassende Geschichte die Bezeichnung „Novelle" zu eng ist, daß man es hier mit einem völligen Roman zu tun hat. Ist es doch dem Dichter gelungen, in den knappen Monolog, in die Gedankenflucht, die -einige Stunden der Todeserwartung ausfüllt, ein ganzes und typisches Leben zu zwingen. Und noch einen zweiten Reichtum hat dieses später (1900) entstandene Buch vor jener Novelle voraus: Im „Sterben" fühlt man die Verzweiflung des Dichters hinter der Verzweiflung seiner Gestalten; im „Leutnant Gustl" steht ein Humorist über den dargestellten tragischen Dingen. Und ich verwechsle nicht etwa die satirische Brutalität des „glücklichen" Schlusses mit dem Ausdruck des Humors, sondern ich sehe diesen in dem freundlich wehmütigen Lächeln, mit dem Schnitzler die unendliche Aermlichkeit eines scheinbar wertvollen und sicher beneideten Lebenslaufes schildert. — Ein geschenktes Billet hat Leutnant Gustl, dem eine Zerstreuung für den Abend angebracht schien, in das Oratorium geführt. Ec versteht die ernste Musik nicht, langweilt sich, wird nervös. Vielleicht war er's auch schon, denn morgen soll er sich duellieren, wobei ihm freilich wenig geschehen dürfte — der Gegner ist ja nur ein Doktor und wird eine schlechte Klinge führen. Immerhin springen Gustls Gedanken ziemlich unstät von Punkt zu Punkt. Bei der Steffi wäre er lieber, aber sie ist wieder an den reicheren .Liebhaber vergeben. Der „muß übrigens ein Jud sein. 11»