Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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$ — 162 — atmen nur immer Kraft zu gräßlicherer Sterbensangst verleiht. Auch in „Frau Bertha Garlan" Verbünden sich Arzt und Dichter, um den Leser zu quälen. Aber während es sich dort wirklich um eine Quälerei handelt — denn man hat das Gefühl der willkürlichen Folter, wenn man immer beim Zucken einer sterbenden Lebensregung festgehalten wird und durchaus vergessen soll, daß diese eine nicht das ganze rings blühende Leben ist —, so wird eben hier, wo man dem wirklichen Verlöschen eines ganzen Lebens zusieht, das Quälende zum Erschütternden, zum wahrhaft Tragischen. Von der Erhöhung freilich, die von mancher Tragik auszugehen vermag, ist bei diesem ebenso unheldischen wie unresigniertem Sterben nichts zu empfinden. Nur sehr viel Furcht und einiges Mitleid werden wachgerufen. Aber die Furcht überwiegt doch Wohl stark. Denn furchtbarer als die körperlichen und seelischen Leiden des Schwindsüchtigen hat Schnitzler die moralische Zerrüttung und Erniedrigung geschildert, der Felix im Laufe seiner Krankheit anheimsällt. Den tapferen Entschluß, der Geliebten die Unheilbarkeit seines Leidens zu verheimlichen, vermag der Weiche Mensch keine Stunde lang durchzuführen. Bald wird dann seine Liebe zu Marie, die sich als Pflegerin so hingebend zeigt wie als Geliebte, von dem Neid des Kranken auf die Gesunde, des Verstoßenen auf die Bleibende überwuchert. Und schließlich ergreift Felix eine Art Haß und die Gier, das Mädchen mit sich hinabzuzerren. Im letzten Augenblick fehlt ihm nichts als die körperliche Kraft, den längst geplanten. Mord an Marie zu begehen. Marie wiederum — man könnte darin eine schrecklich gerechte Gegenrechnung sehen — vermag trotz alles heldischen Ringens mit sich selber auch nicht an ihrer ursprünglichen Liebe festzuhalten, geschweige denn an ihrem ersten spontanen Entschluß, freiwillig mit dem Geliebten zu sterben. In ihr macht sich allmählich, gesteigert durch den sittlichen Verfall des Unglücklichen, die instinktive Abneigung des Gesunden gegen das Kranke geltend; sie hält ihrer Pflicht Treue, aber es wird doch eben aus dem freiwilligen Liebesdienst eine peinvolle Pflichterfüllung. In der letzten Zeit wehrt sie sich angst-