Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 22)
- Language
- German
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160 den sie verehrte, nicht liebte. Nach einigen Jahren starb der Gatte; ihr blieb ein liebes Kind und ein noch ungestilltes jugendliches Liebessehnen. Da tritt, zum viel gerühmten Künstler geworden, der Mann in ihr Leben, den sie als Mädchen geliebt hat; sie gibt sich ihm und fühlt sich durch seine Herzlosigkeit bitter enttäuscht. Nun wird sie entsagen, wird einzig ihrer Mutterpflicht leben — ein Entschluß, der ihr erleichtert wird, da sie das tragische Ende einer anders gerichteten Freundin mitansehen muß: Anna Rupius, einem edlen, hilflos gelähmten Manne vermählt, wollte drohende Schmach von sich abwenden und zahlt ihr Vergehen mit ihrem Leben. Diese bedrücklichen Dinge hat Schnitzler mit der größten psychologischen Schärfe, bisweilen freilich mehr ärztlich als Poetisch, entwickelt; er hat kein Buch geschrieben, das mehr zu quälen vermag. Es wäre aber sehr falsch, aus der Tragik und Resignation des Ausganges schließen zu wollen, daß Schnitzler sich doch trotz aller Freiheitswünsche dem alten Sittengesetz beuge. Das tut er keineswegs. Nur der Arzt in ihm kapituliert mit hörbarem Zähneknirschen vor der Unerbittlichkeit des Naturgesetzes. Heißt es doch zuletzt von Bercha Garlan: „Sie ahnte das ungeheure Unrecht in der Welt, daß die Sehnsucht nach Wonne ebenso in die Frau gelegt ward als in den Mann; und daß es bei den Frauen Sünde wird und Sühne fordert, wenn die Sehnsucht nach Wonne nicht zugleich die Sehnsucht nach dem Kinde ist". — Hat nun auch mein Streifzug durch Schnitzlers Novellengebiet bis hierher mancherlei Wertvolles ergeben, so glaube ich doch bis zu diesem Punkt an der vorausgeschickten Meinung festhalten zu müssen, wonach es sich in Schnitzlers Novellistik vielfach um Vorbereitungen und Ueberreste seines dramatischen Schaffens handle. Dennoch darf man den Dichter keineswegs etwa einen Dramatiker nennen, der in seinen Mußestunden novellistische Uebungen veranstalte. Denn zweimal schon ist es ihm gelungen, so ganz Bedeutendes und Vollendetes als Novellist zu leisten, daß man ihn zu den besten Novellendichtern der Gegenwart rechnen muß. Ja,