Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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159 Häufiger, wie sie ja auch in seinen Dramen zu den häufigsten Themen zählt, taucht die Frage nach dem Liebesrecht der Frau, nach der Heiligkeit oder Unheiligkeit der Ehe auf. Es ist da ein ewiges Schwanken in chm. Von alten Moralgesetzen mag er sich nicht binden lassen, an neue nicht glauben, Recht und Unrecht aller Beteiligten steht immer mit quälender Deutlichkeit vor ihm. Am höchsten stelle ich die Stücke „Ein Abschied" und „Die Toten schweigen." Jenes gleicht mehr einem Gedicht in Prosa als einer Novelle. Der Freund hat verzweifelt lange auf die Geliebte gewartet, er umschleicht ihr Haus, erfährt ihre Erkrankung, danach ihren Tod. Unerkannt gelangt er an ihr Sterbebett, sieht den weinenden Gatten und verrät sich nicht. Und dann schämt er sich seines Schweigens, und es ist ihm, „als hätte ihn die tote Geliebte davon gejagt, weil er sie verleugnet." Hierzu birgt die andere Erzählung eben soviel Verwandtes wie Gegensätzliches. Jahrelang hat die Frau ohne Gewissensbedenken ihren Mann betrogen. Auf einer abendlichen Fahrt stürzt der Wagen um, und ihr Geliebter findet den Tod. Sie will bei der Leiche bleiben, bis der Kutscher aus der nahen Stadt Hilfe herbeiholt. Aber Angst und Entsetzen überwältigen sie, sie läßt den Toten im Stich und eilt nach Hause. Niemand hat sie gesehen, kein Verdacht wird auf ihr ruhen — „die Toten schweigen." Und doch fühlt sie sich nun und gerade jetzt unwiderstehlich zur Beichte vor dem betrogenen Gatten gezwungen. Ausführlicher, in einem ganzen Buche, das er selbst jedoch wohl zu Unrecht) einen Roman nannte, handelte Schnitzler von dem erotischen Thema in „Frau Bertha Garlan". Der Dichter glaubte sich zu der Bezeichnung „Roman" wohl deshalb berechtigt, weil er in mehrere Seelen hinein leuchtete und fast das Vild einer ganzen Stadt entrollte. Aber indem er überall nur den einen Punkt betrachtete, der ja ein wesentlicher ist, aber schließlich nicht das ganze Leben bedeutet, hielt er sich innerlich doch aus dem umgrenzten Novellengebiet. Seine Heldin hatte nach unschuldiger Jugendschwärmerei ein still bescheidenes Eheglück bei einem älteren Manne gefunden.