Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114753--3856-3114926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
158 es sich, in ganz alltäglicher Weise aber ihm selber sehr deutlich, Punkt für Punkt vor, bis er am angegebenen Tage ganz genau so, wie er es damals vor sich gesehen, tot auf einer Bahre im Walde liegt. Der kleine Umstand nun, der mir Schnitzlers persönlichen Anteil an diesem Rätselspiel bezeugt, besteht in den betonten Judentum des Wahrsagers. Er ist der Sohn eines mißachteten Branntwein-Verkäufers, die Offiziere lassen ihn zum Teil mit großer Roheit ihren Antisemitismus fühlen, er selbst legt stolze Ueberlegenheit an den Tag, die nicht ganz frei ist von dem Shylock-Empfinden der Rache-Süßigkeit. Schnitzler hat einmal (im „Einsamen Weg") für den Darsteller eines Herzleidenden die Anweisung gegeben, gelegentlich — „nicht ausfällig" — nach der linken Brustseite zu greifen. Wie oft wird man an diese Bewegung erinnert, wenn der Dichter in ganz andere, abseitige Themen doch irgendwie ein Stückchen Judentum hineinbringt. Es ist ein unwillkürliches Greifen nach seinem Herzen, das in eigentümlichem Rhythmus schlägt, es ist kein pathetisches Leidens-, nicht einmal ein Glaubens-, ist nur ein Blutsbekenntnis. Bewahren diese novellistischen Arbeiten den Dramen des Dichters gegenüber ihre stoffliche Selbständigkeit, so scheinen andere Erzählungen nur den Schnörkel um ähnliche im Drama ausgebreitete Themen zu bedeuten. Fragen nach Freiheits- und Genußberechtigungen stehen da im Vordergrund. So behandelt Schnitzler in der „griechischen Tänzerin" das Sonderrecht des Künstlers und scheint in diesem einen Fall sehr geneigt, es zu bestreiten. Seine ganze Sympathie befindet sich auf Seiten der jungen Frau, die Eifersucht und Gram über die Untreue des Mannes in den Tod treiben. Der, ein berühmter Bildhauer, hat skrupellos sein schönes Modell an sich gerafft. Es ist, als wolle Schnitzler feine Sympathie für die unglückliche Frau entschuldigen, indem er die künstlerische Begabung des Treulosen ein wenig anzweifelt. Wobei ihn aber doch wieder seine Objektivität dem gewählten Thema gegenüber zwingt, den Bildhauer als einen wirklichen Gestalter zu zeichnen. Nur ganz nebenbei verleiht er ihm einige brutale Züge.