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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 156 (sequence 18)
Language
German
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156 Carlo unterschlage manche Einnahme für sich, vielleicht zu Genüssen, die dem Lichtlosen verschlossen sind. Als dann ein Fremder den schlechten Scherz treibt, eine kleine Gabe in Carlos Teller zu werfen, dem Blinden aber zu sagen, er habe zwanzig Franks gegeben, bricht Geronimos lang aufgespeichertes Mißtrauen heftig hervor. Der Bruder verzweifelt. Wenn der Blinde so unglücklich und ihm so abgeneigt ist, empfindet Carlo sein ganzes eigenes Leben, das einzig auf Brüderlichkeit und Abtragung schuldlosen Verschuldens gestellt ist, als ein verfehltes- Da stiehlt er ein Goldstück, um Geronimo zu befriedigen. Bald wird der Diebstahl entdeckt und Carlo verhaftet. In diesem Augenblick erfaßt der Blinde den Zusammenhang der Dinge, sein Mißtrauen schwindet, zum erstenmal gibt er sich dem Bruder in völliger Liebe hin, und zum erstenmal seit jener Knabentat ist Carlo ganz glücklich. Glücklich, während er des unbescholtenen Namens beraubt ist und sich auf dem Weg zum Gefängnis befindet. Kann man hier höchstens in der Zersetzung der üblichen Begriffe von Recht und Unrecht, von Glück und Unglück etwas von dem erblicken, was Schnitzler im Innersten beschäftigt, so kommt er seinem eigenen Empfindungskreis im „Ehrentag" um vieles näher und ergreift deshalb hier auch bedeutend stärker. Er zeichnet das Schicksal eines Schauspielers, der immer zum Höchsten gestrebt und immer nur das Winzigste geleistet hat, der sich im Gefühl allen Heldenrollen gewachsen wußte, und der, vielleicht um seines geringen Könnens, vielleicht auch nur um seines geringen Glückes willen, jahraus, jahrein nur wenige Diener- oder Botenworte sprechen durfte. Er ist ein verbitterter Mensch geworden, hat aber doch sein Los standhaft ertragen. Bis ihn dann eines Abends der Fluch der Lächerlichkeit trifft. Eine bedeutende Schauspielerin hat sich mitleidig seiner angenommen, und ihr eifersüchtiger Liebhaber inszeniert einen scheinbar harmlosen Racheakt. Er bestellt bei der Claque eine besondere - „Ehrung" des kleinen Schauspielers; der Auftrag wird sachgemäß erledigt, das Publikum geht jubelnd auf den

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