Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Schnitzler ihr Lachen und Achselzucken hervor. Es gibt im „Reigen" keine Zeile, die den reifen Leser — und nur von ihm kann die Rede sein — zur Lüsternheit reizen könnte; schlägt ihm doch aus jeder der Hohn des Dichters entgegen. Und einmal, bei der einzigen sympathischen Gestalt des Buches, beim Grafen, tritt zum Hohn wohl auch ein wenig Mitleid. Hohn und Mitleid darüber, daß auch auf solche Dinge Begriffe wie Genuß, Leben, Liebe Anwendung finden und in abertausend Fällen nicht einmal zu Unrecht angewandt werden, daß es um die Menschlichkeit so vieler Menschen derart fraglich und peinlich bestellt ist. * III. Novellen. Rein formal gesprochen sind der Dialog und die Szene, wie sie in den beiden behandelten Büchern austreten, Schnitzlers eigentliches Gebiet. Ein Vorzug und ein Mangel weisen ihn darauf hin. Die ungemeine Objektivität, das Rundherum des Betrachtens, die Schärfe und Plastik des Für- und Wider-Erwägens machen ihn zum dramatischen Aufbau geschickt; die übermäßige Objektivität, die Unfähigkeit, ernstlich Partei zu ergreifen, dazu die Liebe zur eindämmernden Stimmungsmalerei hemmen ihn oft genug in der Herausarbeitung wirklich wuchtiger tragischer Zusammenstöße. Dennoch hat er sich der ihm so paßlichen Form nicht öfter bedient, sondern zumeist wirkliche Dramen zu gestalten versucht, daneben auch die Novelle gepflegt. Aber dem kundigen Blick verrät sich doch in manchem Drama, mancher Erzählung Arthur Schnitzlers gerade der Dichter der „Anatol"- und „Reigen"-Szenen, die dramatischer sind als die Novelle, undramatischer als das eigentliche Drama.